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Aufklärung und Wahrheit

Von Xantens Kolumne

Dass der, der lesen kann, im Vorteil ist, ist auch so eine Allerweltsweisheit, die die Spottdrossel gerne zwitschert. Solange sich der gesunde Menschenverstand heraushält. Und die verbreiteten Wahrheiten alle very frisiert sind. Sodass „die Evidenz […] sehr, sehr klar und sehr deutlich ist.“ Sagt die Bundeskanzlerin. Vom skripalen Infekt bis hin zum syrischen Gas.

Und dazu wird schon seit Jahrtausenden geistiges Glyphosat ausgestreut.

„Planmäßig ist das Christentum darauf ausgegangen, die Geistesarbeit der Antike auszurotten. Was auf uns kam, ist uns durch Zufall überliefert, oder es sind liberale römische Schriftsteller. Das edelste Geistesgut kennen wir vielleicht überhaupt nicht: wer weiß, was da war! Rom hat an dieser Taktik durch die Zeiten festgehalten. Wie ist man im Zeitalter der Entdeckungen mit den Kulturgütern Mittelamerikas umgegangen!“

Sagt der Führer.

Und für die jüngere Überlieferung gibt es nun Akte 88, eine „realsatirische Dokufiktion“, eine Art lustiges Faktentechnik-Labor für die Kreuzung von Faktischem mit Postfaktischem, bei dem beim Rezipienten das Postfaktische den gesunden Menschenverstand überholen soll: „Die tausend Leben des Adolf Hitler“.

„[Der Führer] hat überlebt. Nach 1945. Irgendwo auf der Erde. Oder darunter. Oder im Weltall. […] Andere sind der Ansicht, er habe in einem tibetanischen Kloster gelebt. Manche verorten ihn sogar in der Antarktis, im Innern der Erde, hinterm Mond oder irgendwo in der Galaxis. Zahllose absurde Theorien kursieren in Büchern, Artikeln, „Dokumentationen“ und „Reportagen“ und natürlich im Internet. Dort finden sich auch ‚Beweise‘ für Hitlers Kontakte mit Außerirdischen.“

Letztendlich „müssen [wir] überall mit Hitler rechnen. […] Steht eine Reinkarnation bevor?“ Fragt Henning Burk in seinem Buch „Hitler, Braunau und ich“. Oder lebt der Führer noch? Mittlerweile fast 129 Jahre alt. Als Hermann Guntherberg in Argentinien. Hermann Guntherberg will sich nun unter seinem echten Namen an die Öffentlichkeit wagen und eine Autobiographie verfassen.

„Diese sei ab September unter dem Namen „Adolf Hitler“ verfügbar. Seine Frau Angela Martinez und einige andere Bekannte behaupten jedoch, dass er an Alzheimer leide und oft vergesse, wer er ist. Frau Martinez glaubt ihm zwar, ein Nazi gewesen zu sein und sich schuldig zu fühlen, dass es sich bei ihm um Adolf Hitler handle, bezweifelt sie aber.“

Wir erinnern uns. Godwins Gesetz. Auch ohne dass lange diskutiert wird, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man beim Führer landet. „Hitler, Braunau und ich“. Ohne den Hauch von Didaktik und mit mehr Zweifeln als Gewissheiten. Sagt der Rezensent.

Ohne Didaktik und mit Zweifeln. Das macht es nicht einfacher für die Spottdrossel. Und wenn man dann noch eine Zeitungsallergie besitzt, wird es noch schwieriger. So wie etwa Immanuel Kant, der keine frisch gedruckte Zeitung lesen konnte, ohne niesen zu müssen.

Oder wenn sich der gesunde Menschenverstand querstellt. Wobei es dafür noch den Heiligen Vater gibt. Der betet für eine Befreiung von „der Versuchung des gesunden Menschenverstands“. Die Kirche hat das Ahnungsvermögen sauber vom gesunden Menschenverstand getrennt.

„In jedem Menschen lebt das Ahnungsvermögen, was das Walten dessen angeht, das man Gott nennt, […] Dieses Ahnungsvermögen hat die Kirche sich dienstbar zu machen verstanden, indem sie den mit Strafe bedroht, der das nicht glauben will, was sie geglaubt wissen möchte.“

Sagt der Führer.

Mit Kant wird es kompliziert. Da kommen Aufklärung und Verstand ins Spiel. Aber was ist eigentlich der vielzitierte gesunde Menschenverstand? Gibt es als Gegensatz auch einen kranken Menschenverstand? Und was ist zu tun, damit er wieder gesund wird, wenn er krank ist? Oder ist es gut, dass er krank ist? Für die Spottdrossel wohl ja. Sie wäre ja sonst arbeitslos. Wem sollte sie noch ihre Märchen erzählen?

Der gesunde Menschenverstand definiert sich über „vernünftiges und umsichtiges Urteilen, basierend auf einfacher Wahrnehmung von Situation und Fakten.“ Sagt Merriam Webster.

„[Gesunder Menschenverstand sorgt dafür], dass die Situation nicht unnötig kompliziert gemacht wird (einfach) und dass Erfahrung und Grundwissen bei der Beurteilung der Situation mit einbezogen werden (vernünftiges und umsichtiges Urteilen). Dabei wird impliziert, dass du davon ausgehst, dass deine mit einbezogenen Erfahrungen auch für zukünftige Situationen angemessen sind.“

Praktische Intelligenz. Mündigkeit. Gesunder Menschenverstand hilft, sich nicht von Regeln, Theorien, Ideen und Richtlinien gefangen nehmen zu lassen. In anderen Worten: Nur weil dir etwas vorgeschrieben wird oder etwas schon immer auf eine bestimmte Weise getan worden ist, ist das kein Grund, nicht einen anderen Ausgang aus dem Gewohnheitsdilemma mithilfe des gesunden Menschenverstandes zu wählen.

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit“, wenn man zwar Verstand hat, aber nicht den Mut aufbringt, sich seines Verstandes ohne Anleitung der Spottdrossel zu bedienen. Sagt Immanuel Kant.

Kant war klein und dünn und litt an schwachen Nerven. An Herz- und Atemproblemen. Seit er publiziert hat, geht er der Spottdrossel auf die Nerven. Kant hatte nie eine Freundin. Ohne Fürsprache des Zufalls wäre er vermutlich Riemermeister geworden, wie sein Vater. Hätte Pferdegeschirre und Schuhsohlen genäht und nicht über metaphysische Fragen gegrübelt.

Kant war ein Stubenhocker. Mit Ausgang hatte er es nicht so. Zeitlebens kam er nicht aus Königsberg heraus. Musste er die Stube doch einmal verlassen, borgte er sich in seiner Studienzeit von einem Freund schon mal Unterhemd und Hosen aus, sodass dieser oben und unten ohne auf ihn warten musste.

Ob das moralisch gut ist, wäre zu prüfen. Und war für Kant ja immerhin eine ganz zentrale Frage. Das Universalisierungspostulat. Die „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“. 1785. Der kategorische Imperativ gebietet:

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Es darf bezweifelt werden, dass die Handlungsmaxime, den Freund oben und unten ohne sitzen zu lassen, den Universalisierungstest übersteht und also moralisch gut sein kann. Womit wir wieder beim Führer wären.

Die Feuilleton-Logik lautet: „‘Hitler ist böse. Wer gegen Hitler ist, ist gut.‘ Doch manchmal ist das direkte Gegenteil vom Bösen eben doch nicht ganz das Gute.“ Und das Gegenteil des scheinbar Guten nicht das vermeintlich Böse.

Lothar Fritze hat Kant zum Führer-Attentat Georg Elsers von 1939 befragt und Kant meint, dass auch Elsers Handeln den Universalisierungstest nicht bestanden habe. Nicht weil Elser jemanden zu Hause oben und unten ohne habe sitzen lassen, sondern weil „Elser im Jahr 1939 als ‚Durchschnittsbürger‘ gar nicht in der Lage gewesen [sei] abzuschätzen“, was der Führer später veranlasste und er verfügte kaum „über die nötige ‚politische Beurteilungskompetenz‘“.

Aber er verfügte über die Kompetenz, eine Bombe zu bauen und am 8. November 1939 um 21:20 Uhr – bei eigener physischer Absenz – unter noch 120 bis 150 Zuhörern im Münchener Bürgerbräukeller zur Detonation zu bringen, was acht der Anwesenden das Leben kostete und 63 Besucher zum Teil schwer verletzte.

Nicht das Leben, sondern viel Arbeit kostete den Hobby-Historiker Harald Sandner das Hitler-Itinerar. Ab 1914 hat er jeden Tag des Führers minutiös dokumentiert. 11443 Tage. 2432 Seiten und 2211 Bilder. In vier schweren Bänden.

In einer Autowerkstatt hat der Führer zum Beispiel für Reifen bezahlt. Und es sich quittieren lassen. Und im Hotel „Elephant“ in Weimar aß er am liebsten Brotsuppe. Und bei der Besichtigung eines LKW hat er die Hände in den Hosentaschen. Und am 29.10.1944 gab es im Führerhauptquartier Wolfsschanze nach einem Lagevortrag um 01:15 Uhr Tee. Neue Impulse für die Hitler-Forschung.

Der Führer-Mythos. Harald Sandner möchte ihn abschleifen: „Was die politische Bedeutung meines Werkes betrifft, halte ich es gern mit Simon Wiesenthal, der sagte: ‚Aufklärung ist Abwehr‘.“ Oder ist es Aufklärungsabwehr?

Und mehr als 200 Jahre nach Kant? Ist das „Vertrauen in die Aufklärung, die das Subjekt als von Natur aus zum Selbstdenken befähigt festgestellt hat, auf dass es seine Unmündigkeit überwinde, […] offensichtlich nach 230 Jahren Aufklärung in Deutschland nicht allzu groß.“

Gleichzeitig kann man eine gewisse Aufklärungsmüdigkeit konstatieren. Eine soziale Trägheit. Bewertungen und Entscheidungen machen Arbeit.

„Um die zu vermeiden, wird die bestehende Option schöngeredet, der Status quo überhöht, Alternativen werden ignoriert. Während sich Extremisten in ihrer Welt einigeln und auf alles schießen, was sich draußen bewegt, tun die Defaulters nichts. Sie wollen sich nicht entscheiden, sie nehmen, was da ist. Der Default Effect ist eine Art Analphabetismus des Bewertens und Entscheidens.“

Und das sind nicht gerade die besten Voraussetzungen für eine Begegnung mit der Wahrheit. Sie bewirbt sich nicht bei denen, die gar nicht ihre Freier sein wollen.

„Die Wahrheit ist keine Hure, die sich denen an den Hals wirft, welche ihrer nicht begehren: Vielmehr ist sie eine so spröde Schöne, daß selbst wer ihr alles opfert, noch nicht ihrer Gunst gewiß sein darf.“

Sagt Schopenhauer. Womit wir schon wieder beim Führer sind. Denn den „ganzen Weltkrieg über“ hat er „die fünf Bände der Werke Schopenhauers im Tornister“ mit sich herumgeschleppt. Und „viel von ihm gelernt.“

Ein Studium der praktischen Art ist der Hund. Der Unterschied zwischen Wahrheit und Hund ist, dass man den Hund an sich gewöhnen kann, auch wenn er kein Deutsch versteht, während man sich an die Wahrheit erst gewöhnen muss, wenn man sie gar nicht begehrt, aber Deutsch versteht.

Ein praktisches Beispiel ist der Foxl in Fromelles.

„Mit einer kolossalen Geduld – er hat nicht deutsch verstanden – habe ich ihn langsam an mich gewöhnt. Zunächst habe ich ihn nur mit Keks und Schokolade genährt […]. Er ist immer bei mir gewesen. Die anderen haben ihn nicht gewollt. Für mich war es zugleich ein Intelligenzstudium. Alle die Sachen, Seilspringen, die Leiter heraufklettern und heruntersteigen, habe ich ihm allmählich beigebracht. Entscheidend ist, daß ein Hund immer beim Herrn schläft.“

Sagt der Führer. Bei der Wahrheit dagegen ist es entscheidend, dass sie nicht schläft, sondern, dass man über sie wacht.

Der Vorgabe- oder Standard-Effekt. Aufgrund von Reizüberflutung und aufgrund von Müdigkeit. Und der medialen Reizüberflutung kommt man gerne mal durch die Bedienung von Stereotypen bei. Und so taucht denn der Führer auch in einer Aids-Kampagne auf.

„Wir wollen dem Virus ein Gesicht geben“. Sagt Jan Schwertner, der Vorsitzende des Vereins Regenbogen.“ Ziemlich gemein“, sagt dagegen die Deutsche Aids-Hilfe. Und will, dass dem Verein die Gemeinnützigkeit aberkannt wird.

Und bei Müdigkeit denkt man an einen allgemeinen Vitamin B12 Mangel. Und ein „Vitamin B12 Mangel ist ganz und gar nicht empfehlenswert. Vitamin B12 ist ein äußerst wichtiges Vitamin. Es ist an der Blutbildung beteiligt, schützt das Herz-Kreislauf-System und ist für das Nervensystem unverzichtbar.“

Womit wir ohne lange Diskussion wieder beim Führer sind. Der Führer bekam von Theodor Morell „Intelan, ein Vitamin Präparat der Firma Ankermann“ bestehend aus Vitamin A, B12, D3 und Glukose […] zur Stärkung der allgemeinen Widerstandskraft, zur Infektabwehr und Appetitanregung sowie zur Behebung der chronischen Müdigkeit“.

Die Entscheidungs-Appetitlosigkeit, der Analphabetismus des Bewertens wird auch dadurch begünstigt, dass vieles bewusst verkompliziert wird. Den Bewertungs-Analphabetismus-Förderern gilt es auch …

„… das normale Geschäftswesen für einen normalen Verstand unverständlich zu machen. Zunächst erschauert man vor der Weisheit der Nationalökonomen. Macht einer nicht mit, dann sagt man, der Mensch ist ungebildet, ihm fehlt das höhere Wissen. In Wirklichkeit werden diese Begriffe geschaffen, damit man nichts begreift.

Heute sind Millionen Menschen diese Gesichtspunkte in Fleisch und Blut übergegangen. Nur die Professoren haben nicht kapiert, daß der Geldwert abhängig ist von der Gütermenge, die hinter dem Geld steht.“

Sagt der Führer.

Nicht kapiert haben auch viele, dass man in Zeiten, in denen alles auf Knopfdruck und per Sprachbefehl funktionieren soll, sich für die Wahrheit schon ein wenig anstrengen muss:

„Das Volk selbst, es muß mithelfen. Es soll nie glauben, daß ihm plötzlich Freiheit, Glück [und Wahrheit] und Leben vom Himmel geschenkt wird. Alles wurzelt nur im eigenen Willen, in der eigenen Arbeit. Glaube niemals an fremde Hilfe […].“

Und nicht daran, dass sich dir die Wahrheit per Knopfdruck oder per Alexa-Sprach-Dienst offenbart, möchte man hinzufügen.

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