Warnung oder Panikmache?

Ein Leser schreibt, er glaube langsam, die ganze “Warnerei” vor irgendwelchen Crashs oder dem grossen Knall im Finanzsystem sei Panikmache. Schliesslich laufe die Sache jetzt schon ewig, ohne dass etwas dieser Art passiert sei.

Einspruch!

Wenn Ihr Nachbar zwei Mal hintereinander besoffen, in schlechtem Schuhwerk und mit einer lausigen Leiter auf einen Baum steigt und sich ein Bein beziehungsweise den Arm bricht, dann werden Sie spätestens dann, wenn er Anstalten macht, es ein drittes Mal zu tun, rüber gehen und ihn aufzuhalten versuchen.

Und wenn es trotzdem wieder geschieht, werden sie beim vierten Mal bereits in dem Moment, in dem er die Leiter aus der Scheune zerrt, mit den Armen fuchtelnd das ganze Haus alarmieren und keine Ruhe geben, bis der Kerl von seinem Vorhaben ablässt.

Denn obschon Sie ihm nichts Schlechtes wünschen, so tun sie es doch nicht ihm, sondern seiner Familie und sich selbst zuliebe. Die Familie ist es, die bei erneutem Schaden sich buchstäblich durchseuchen muss wenn das Nötigste knapp wird und Sie bereits heute wissen, dass eine substantielle Hilfe Ihre Mittel bei weitem übersteigt.

Wenn man also die die möglichen bis wahrscheinlichen Wirkung bestimmter Ursachen kennt und diese absolut nicht wünschenswert sind, dann wird man – kann man sie nicht unterdrücken – zumindest versuchen, davor und vor ihrer erfahrungsgemäss folgenden Verheerung zu warnen.

Was richtig ist: Natürlich kann der Kerl beim vierten Mal entgegen aller Erwartung nüchtern sein (das sieht man ja keinem von Weitem an) und natürlich kann er auch einfach Glück haben und die Sache geht glimpflich vorbei. Fakt ist: Die Wahrscheinlichkeit, dass er wieder runterkracht ist grösser, als jene, dass er ohne Schaden davonkommt. Darum warnt man. Und darum warnen seit langem viele – grössere und mächtigere Stimmen, als meine es je sein wird – vor der durchs Band schädlichen Blasen-Politik der Zentralbanken.

Seit der “Schliessung des Goldfensters”, wie die euphemistische Bezeichnung dafür lautet, dass die “Währungshüter” der Zentralbanken mehr Geld drucken dürfen, als es Gold gibt, sind sie mit dem Segen der Politik dazu übergegangen, Krisen nach immer demselben Rezept – mehr Geld! – zu dämpfen. Krisen, zu deren Entstehen sie via Schulden und Rettung den Hauptteil beigetragen haben.

Drei Mal seit dem Ende der Achtzigerjahre konnten so verheerende Markteinbrüche abgefedert werden. Das Problem: Jedes Mal mussten sie einen Gang höher schalten, mehr Geld drucken, die Zinsen tiefer senken, Unternehmen und ganze Sektoren am Leben erhalten oder wiederbeleben, was die folgende Blase/Kris noch grösser werden liess.

Mittlerweile sind wir im vierten Gang. Seit zehn Jahren bekämpfen die Zentralbanken und Regierungen nun die Krise von 2007/2008. Und wir wissen eigentlich nichts. Wir wissen weder, ob das Vehikel des Billigen Geldes und der Nullzinsen einen fünften Gang hat und wir wissen auch nicht, ob man vom vierten wieder in den dritten herunterschalten kann.

Die bisherige Krisengeschichte lässt aber darauf schliessen, dass ein weiterer Absturz nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich ist. Hier nicht zu warnen und aufs Glück zu setzen, ist fahrlässig. Denn was Medien und Politik gerne als “Stabilisierung des Finanzsystems” bezeichnen, ist auch diesmal ganz klar das Aufblähen einer Blase und kann durchaus als “Maximierung der Fallhöhe” bezeichnet werden.

Seit der letzten Krise vor 10 Jahren – soviel zum oben erwähnten “Ewig” – ist der S &P, der Index, der die Aktien von 500 der grössten börsennotierten US-amerikanischen Unternehmen abbildet, um fast 400 Prozent gestiegen. In dieser gesamten Zeit lagen die Leitzinsen in den USA wie in Europa nahe null oder bei null.

Die US-Staatsschulden wuchsen auf den Rekordwert von 21000 Millarden Dollar und sind damit doppelt so hoch wie 2008, während die amerikanischen Unternehmen auf einem Berg von Forderungen von 6300 Milliarden Dollars sitzen und dies mit grosser Wahrscheinlichkeit nur deshalb schaffen, weil die Zinslast erträglich ist.

Ebenfalls deutlich höher als 2008 liegt die Verschuldung der privaten Haushalte mit 13300 Milliarden Dollar. Die Gesamtsumme der Studiendarlehen beläuft sich heute auf einem Rekordlevel von 1500 Milliarden Dollar (2008 611 Milliarden Dollar). Weitere 1250 Milliarden Dollar an Autokrediten und Kreditkartenschulden runden das Bild ab.

Von der Misere der europäischen Zombie-Unternehmen, der Staatshaushalte und dem Katastrophen-Projekt Euro wurde an dieser Stelle bereits oft geschrieben. Vor dem Hintergrund dieser Gemengelage also von einer Maximierung der Fallhöhe zu sprechen und vor möglichen Auswirkungen zu warnen, ist nicht übertrieben oder gar Panikmache.

Richtig ist, dass alles, was wir haben, das Wissen der Vergangenheit ist. Das Nicht-Wissen über die Zukunft jedoch als Wahrheit zu verkaufen ist Schurkerei. Wir haben nur Vermutungen und Theorien. Sie als Wissen und Wahrheit zu verkaufen, wie unsere Politiker und Zentralbankes es tun, ist bloss Rechtfertigung für sich selbst und eine Art Glaubensbefehl ans uns.

Beschränken wir uns darauf, dem Folge zu leisten, versuchen wir nicht, die verkündeten Theorien zu hinterfragen oder – soweit möglich – zu eliminieren, dann riskieren wir, mit einem “falschen Glauben zugrunde zu gehen” (Popper).

Das und nichts anderes ist mein persönlicher Grund, hier mit dünnem Stimmchen zu warnen vor dem Möglichen, in meinen Augen Wahrscheinlichen. Wenn nur einer es hört und sich Gedanken macht, vielleicht sogar eine Unze Gold zur Sicherheit kauft, dann ist das Ziel erreicht. Wenn wir aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz Glück haben, die Leiter hält, der Kerl nüchtern ist und kein Schaden entsteht, umso besser.

Aber wie gesagt …


Quelle und Kommentare hier:
https://frankjordanblog.wordpress.com/2018/10/27/warnung-oder-panikmache/