Der Tag X

von Egon W. Kreutzer

Seit vielen Jahren wird immer wieder die Frage gestellt:

  • Wann ist es so weit?
  • Wann bricht alles zusammen?
  • Wann kommt der Crash?

Letzte Woche kam sie wieder, diese Frage, und zugleich die Bitte, einen Paukenschlag daraus zu machen, in dem nicht nur steht, wann es so weit sein wird, sondern auch, wie man sich am besten darauf vorbereiten könne.

Die andere Frage, die in diesem Zusammenhang auch immer wieder gestellt wird, lautet:

  • Wie lange lassen sich die Menschen das noch gefallen?
  • Wann kommt der Aufstand, der Generalstreik, die Revolution?

Und schlussendlich mag ich auch noch die dritte Frage in den Raum stellen, die in allen möglichen Formulierungen auftaucht, sich aber leicht auf den Punkt bringen lässt:

  • Sind die da oben alle korrupt, oder einfach nur unfähig?

Auf alle drei Fragestellungen mag ich heute antworten. Denn sie hängen so eng miteinander zusammen, dass sie so wenig unabhängig voneinander betrachtet werden können, wie das Geldsystem und die Eigentumsordnung.

Vorausschicken will ich, dass es sich bei diesen Antworten um nichts als meine persönliche Meinung handelt. Eine Meinung, die sich aus tausenden von Informationen und deren Bewertung herausgebildet hat, eine Meinung, die stark beeinflusst ist von den Antworten, die ich mir auf die Frage: „Wem nützt es?“ gebildet habe.

Eine Meinung, die – was die darin enthaltenen Prognosen betrifft – darauf abzielt, von den heute beobachtbaren Geschehnissen über eine möglichst geschlossene und in sich logische Argumentationskette zu einem Ergebnis zu gelangen.

Es ist meine Meinung.
Eine Meinung, der Sie sich nicht blind anschließen sollten.

Sie haben andere Erfahrungen, andere Kenntnisse, die mir fehlen.
Sie sind optimistischer oder pessimistischer, Sie glauben an den Sieg der Gerechtigkeit und das Gute im Menschen mehr oder weniger als ich, das ist alles gut, es ist alles kein Grund, für eine hitzige Diskussion.

Meine Absicht ist es, mit diesem Aufsatz zum Nachdenken anzuregen, Sie dazu zu bringen, Ihre Meinung, Ihre Sorgen und Ängste, Ihren Optimismus auf den Prüfstand zu stellen – und darüber mit möglichst vielen Menschen ernsthafte und lösungsorientierte Gespräche zu führen.

Es ist nicht die Zeit,

sich unter den Menschen guten Willens
endlos weiter um die Details
einer unerreichbaren Vollkommenheit
zu streiten.

Es ist weder die Zeit,
des erbitterten Rechthaben-Wollens,
noch die Zeit
des sorglos unbekümmerten Philosophierens.

Es ist höchste Zeit.

Höchste Zeit, endlich die Kräfte zu bündeln, statt kräftezehrende Lagerkämpfe zu führen.

Divide et impera!

Das ist es, was wir erleben.

Das ist die Situation, in die wir hineingetrieben werden, jede Woche ein Stück weiter, im Großen, wie im Kleinen.

Wir werden angehalten, uns zu positionieren, und zwar gegeneinander, nicht gegen die Bedrohung, die uns alle betrifft, sondern jeweils gegen die Vorstellungen aller anderen, die von unserer eigenen Vorstellung abweichen.

Damit werden wir beschäftigt, darin dürfen wir uns austoben und uns dabei insgesamt neutralisieren.

Beispiele?

Die Mitte,

eine wohlig-warme Gemeinschaft selbstgerechter Geister,
umworben von den Parteien der Mitte,

in sich gespalten

in Konservative,
Erzkonservative,
Liberale,
Soziale und
Sozialistische.

Die Mitte, ihrerseits in erbitterter Abgrenzung gegen alles, was ihrer Definition von Mitte nicht genügt, angefeindet von jenen, die sich von der Mitte ausgeschlossen, an die Ränder gedrängt fühlen, nach

links- und rechtsaußen,

Diese wiederum, in erbitterter Feindschaft alte Fehden aus mehr als hundert Jahren immer wieder neu austragend, mehr dem Wunsch, endlich zu siegen, geschuldet, mehr dem Wunsch, den Gegner endgültig zu schlagen, folgend, als daran zu denken, die eigenen Ideale aus der Mottenkiste zu holen, sie den Umständen der Zeit anzupassen, und dann nach Gemeinsamkeiten zu suchen, die es wahrhaftig in großer Zahl gibt.

Warum müssen Rechte immer wieder zu provozierenden Demonstrationen aufrufen, warum müssen Linke sich diesen Demonstrationen kampfbereit in den Weg stellen?

Doch nur, um der Staatsgewalt Gelegenheit zu geben, mal auf diese, mal auf jene einzudreschen, um den Medien Gelegenheit zu geben, beide Seiten als Krawallmacher und ewig Gestrige darzustellen und damit einen Teil der notwendigen Diskussion durch das Aufkleben von Etiketten: „Schwarzer Block“,“ Braune Brut“, „Linke Radikalinskis“, usw., schlicht und einfach vom Tisch zu wischen.

Der Keil, der gerade zwischen Nord- und Südeuropäer getrieben wird, mit der Folge, dass Griechen und Deutsche sich gegenseitig als voneinander ausgebeutet wahrnehmen, führt dieser Keil hin zur Problemlösung, oder doch eher in die Irre?

Der künstlich in die Bevölkerung getragene Hass und Neid zwischen den Generationen, gegründet auf der Lüge, die Alten beuteten die Jungen aus, bzw. die Jungen hätten keine Ehrfurcht mehr vor der Lebens- und Aufbauleistung der Alten, hilft uns das zu erkennen, wer das Rentenproblem geschaffen hat, oder lenkt es den Zorn der Gerechten nur auf sich selbst zurück?

Die geschönten Statistiken zur Arbeitslosigkeit, und die manipulative Berichterstattung darüber, dazu die Propaganda, es fehlte an Fachkräften – und die heuchlerische Klage darüber, ein Großteil der Jugendlichen käme nicht berufstauglich aus den Schulen – zeigt uns das, wo die Schuldigen sitzen, oder werden hier bloß die Opfer stigmatisiert?

Groß aufgemachte Berichte über Sozialschmarotzer, garniert mit zündelnden Worten, wie: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“, denen gegenübergestellt der Reichtum und Luxus derjenigen, die sich als wahre Leistungsträger und Eliten feiern lassen, hilft uns das, die strukturellen Probleme unserer Gesellschaft zu erkennen?

Nein, es hat nur zum Ziel, dem Sprichwort: „Jeder ist seines Glückes eigener Schmied“, jenen fatalen Sinn zu geben, mit dem zu jenem stetigem Kampf, jeder gegen jeden, harmlos „Wettbewerb“ und „Wettbewerbsfähigkeit“ genannt, aufgerufen wird, weil es schon immer ein Genuss war, den Gladiatoren in der Arena zuzusehen, wie sie sich gegenseitig auf möglichst spektakuläre Weise umbringen, um am Ende der Lustbarkeit den gnädig erhobenen Daumen derer zu sehen, die ihren Spaß daran hatten.

Ich bin mit diesem Aufsatz noch nicht beim Anfang angekommen, und habe schon so viele Worte gemacht, will aber auch noch jene Spaltung erwähnen, die uns vielleicht am längsten und am unsinnigsten prägt, die Spaltung der Religionen.

So es „einen“ Gott gibt, so dieser die Welt als seine Schöpfung betrachtet und sie liebt,
mit allem, was darauf und darin ist, warum dürfen dann jene Menschen, die seinen Willen erfüllen wollen, dies nicht gemeinsam tun?

Warum sind Kleinigkeiten in der Auslegung uralter, vielfach fehlübersetzter Texte Grund genug, die Menschheit in mehr oder minder fanatische Gruppen und Abspaltungen zu teilen und sie mit mehr oder minder psychischer und physischer Gewalt aufeinander zu hetzen?

Warum können, warum dürfen (!), die Menschen, die doch alle nur ihr kleines Glück in der Familie, die Erfüllung im Beruf und vielleicht die Möglichkeit suchen, ein bedeutsames Werk zu hinterlassen, warum dürfen sie dies nicht – jeder für sich – auf die Weise tun, die sie für richtig und angemessen erachten?

Divide et impera!
Teile und herrsche.

Und da, wo sich dieses Geteilt-Sein abgeflacht hat, wo es die Betroffenen ermüdet hat, wo man beschlossen hat, nicht mehr mitzumachen, entfaltet es immer noch eine nachhaltige Spätwirkung.

Der Mensch ist der Auseinandersetzung müde, mag nur noch seine Ruhe, zieht sich zurück, richtet sich ein, bringt Mitläufertum oder Null-Bock-Generationen hervor, ist frustriert von ewigen, ergebnislosen, kräftezehrenden Kämpfen und lässt nicht nur den lieben Gott einen guten Mann sein, sondern auch „die da oben“ machen, was sie wollen, weil sie ja sowieso machen, was sie wollen.

Der Nichtwähler tritt auf die Bühne, hat wohl hie und da auch seine Meinung, ist es aber überdrüssig sie zu sagen, weil sie ungehört bleibt oder ihm – in der Einsicht in die Unerreichbarkeit seiner Vorstellungen – schlicht die Luft wegbleibt.

Eine dumpfe Masse abgestumpften Volkes, von Bild, BamS und Glotze mit Stimmungen gefüttert, die anschließend von Demoskopen wieder als Volkesmeinung abgefragt und in legitimierte Politik umgesetzt werden, das ist das Ideal jedes Herrschenden, das gibt ihm die Freiheit, seine eigenen Vorstellungen auszuleben, das ist ein Zustand, der – einmal erreicht – nie wieder anders werden darf.

Und so keimt mitten im angestrebten Ideal auf einmal die nackte Angst auf.

Was, wenn da unter den Millionen doch einer ist, wenn sich Gruppen bilden, die im Geheimen agitieren, aufstacheln, Änderungen fordern?

Was, wenn da ein unentdeckter Funke, angefacht vom Windhauch der Geschichte, plötzlich zur hellen Flamme wird und das ganze korrupte, ausgetrocknete System der Herrschaft in Brand zu setzen droht?

Je ungerechter eine Gesellschaft konstruiert ist, desto stärker bedarf sie der Kontrolle und Überwachung, der Denunzianten und der Repression, um die Herrschaft zu erhalten.
Und das ist nicht nur in Diktaturen, in Feudalsystemen, in Monarchien so, sondern auch in Republiken und Demokratien.

So wird die Angst der Nutznießer in eine allgemeine Angst umgewandelt, die sich lähmend übers Land legt.

Und je weniger die Menschen wagen, sich öffentlich zu äußern, sich zurückziehen in ihre Häuser und Freundeskreise, desto größer wird die Angst, da könne sich irgendwo etwas Bedrohliches zusammenbrauen, desto ausgefeilter, rücksichtsloser und totaler wird der Überwachungsstaat ausgebaut.

Irgendwann erscheint dann selbst die hochgerüstetste Polizei als nicht mehr ausreichend. Richtige Soldaten müssen her, mit schweren Waffen, und auf alles schießen, was sich aus den Löchern wagt.

So hat man Aufstände noch immer niedergehalten – und zugleich die Rechtfertigung für noch härtere Repression, für Folter, für Staatsmord ohne Gerichtsurteil und für die Einebnung ganzer Stadtviertel und Ortschaften gefunden.

Die Geschichtsbücher sind voll davon.

Und das aktuelle Zeitgeschehen kann da nur mit den Worten:

„Wer Augen hat, zu sehen, der sehe.
Wer Ohren hat, zu hören, der höre!“,

zur aufmerksamen Betrachtung empfohlen werden.
Alles nur wenige Flugstunden weg.

Die Welt ist klein.

Wird es also einen Aufstand, eine Erhebung, einen Umsturz, eine Revolution geben, in Deutschland?

Meine Antwort ist „nein“, und einschränkend mag ich hinzufügen, „nicht, bevor alles zu spät ist“.

Ganz Rechte und ganz Linke hat man im Griff.

Ich will nicht behaupten, dass sie in allen ihren Aktivitäten letztlich durch Unterwanderung der Geheimdienste längst vollkommen fremdgesteuert sind, aber doch so weit, dass über jedem Anlauf, eine solche Partei per höchstrichterlicher Entscheidung aufzulösen, das Damoklesschwert der Offenbarung des eigenen Einflusses hängt,

zumindest so weit, dass man über jeden Plan, jede Zielsetzung genauestens im Bilde – und zugleich in der Lage ist, die Ausführung genau so weit zuzulassen, wie dies zur Aufrechterhaltung des Stimmungsbildes der Restbevölkerung erwünscht ist.

Wer von NPD, DVU und anderen braunen Gruppierungen den auslösenden Funken erwartet, wird lange warten müssen, ebenso wie diejenigen, die meinen, es könnte ein ausreichend starker Impuls aus der Ecke kommen, wo sich extreme marxistisch-leninistisch-kommunistisch-maoistische Häuflein zusammenrotten, um der Reinheit ihrer Ideologie zu frönen.

Und dabei sind das diejenigen, die immer noch wissen, dass und wie sie beobachtet werden, die sich aller möglichen konspirativen Techniken bedienen, um möglichst viel geheim zu halten, doch es hilft wenig.

Diejenigen, die den Wandel, der sich in unserer Gesellschaft seit dreißig Jahren mit wachsendem Tempo vollzieht am stärksten am eigenen Leibe spüren, die Arbeitslosen, die Hilfeempfänger, die Altersarmen, die sind alle viel zu viel mit dem eigenen Überleben beschäftigt, stehen unter der Totalkontrolle der Argen und Job-Center, dürfen sich von ihrem Wohnort nur mit Erlaubnis entfernen, weil sich ihr Fallmanager sonst um ihr Wohlergehen und ihre Arbeitsbereitschaft sorgen müsste, und so überlegen sie sich dreimal, wofür sie die Almosen ausgeben, die man ihnen zubilligt, und gehen dann kilometerweit von Sonderangebot zu Sonderangebot, bis zum Ende des Geldes.

Da bleibt für alles, was man bräuchte, um sich zu organisieren, nichts übrig, nicht einmal Zeit.

Wer also erwartet, es käme zu einem Aufstand der ausgemusterten Sklaven, der wird lange warten können.

Und der große Rest?

Sehen wir uns doch um.

Der große Rest ist entweder damit beschäftigt, im „Wettbewerb“ – jeder gegen jeden – das eigene Abrutschen so lange wie möglich hinauszuzögern, oder damit, sich im Lichte des eigenen Wohlstands zu sonnen und sich, ganz im Sinne der Propaganda, für gut, für sehr gut, für besser, für den schönsten aller „Eliteriche“ zu halten.

Ein Großteil davon geht wählen, damit alles bleibt, wie es ist.

Ein anderer Teil geht nicht wählen, weil sowieso alles bleibt, wie es ist.

Viele zahlen Mitgliedsbeiträge an den ADAC, ohne je auch nur in die Nähe eines beschlussfassenden Gremiums zu kommen, andere zahlen an den DFB, immer weniger zahlen Gewerkschaftsbeiträge, ein paar unterstützen mit ihren Mitgliedsbeiträgen politische Parteien aus dem „wählbaren“ Spektrum.

Aus. Ende. Amen.

Da geht nichts.
Da ist nichts zu erwarten.

Und es ist gut, dass kein blutiger Aufstand zu erwarten ist.

Schlecht ist, dass es für friedliche Formen des Systemwandels keine Hoffnung gibt.
Was da aufkeimt, wird totgeschwiegen, durch massenhafte Propaganda schlicht niedergedrückt, der öffentlichen Wahrnehmung entzogen, zur Not lächerlich gemacht, oder gleich in jene Ecke geschoben, in der alles angewidert zur Schau gestellt wird, was „pfui“ ist.

Das geht ganz fix.

Und dann darf Herr Sarrazin wieder ein Buch schreiben, in dem er ein bisschen von einer Stimmung aufnimmt, und darf dafür öffentlich abgewatscht werden, damit auch jeder weiß, wo die Grenze liegt, zwischen dem, was in diesem Lande gedacht werden darf, und was nicht.

Es ist so einfach.

Damit scheint die Antwort auf jene andere Frage:

„Sind die korrupt oder unfähig“,

schon gegeben zu sein.

Wenn das alles, so wie vorher beschrieben, geplant und beabsichtigt ist, dann kann es doch gar nicht anders sein, dann müssen sie korrupt sein.

Wären sie nur unfähig, könnte das nicht gelingen.

Das ist mir allerdings zu holzschnittartig gedacht, typisch schwarz-weiß, ohne jeden Grauton, da kommt schon wieder dieses Divide et impera zum Vorschein. Je krasser die Gegensätze gemalt werden, desto leichter kann man die Anhänger unterschiedlicher Meinungen auseinander halten und aufeinander hetzen.

Nein.
Sie sind nicht alle korrupt.
Sie sind nicht alle unfähig.

Ich unterstelle, die meisten halten das, was sie sagen, beschließen und tun, für das einzige, was sie nach bestem Wissen und Gewissen, unter Berücksichtigung aller relevanten Umstände, in der Lage sind, zu sagen, zu beschließen und zu tun.

Natürlich gibt es unter 1000 Politikern sicherlich auch einen oder zwei abgefeimte Schurken.

Natürlich gibt es unter 1000 Politikern sicherlich auch einen oder zwei, die wirklich nicht die notwendigen geistigen Voraussetzungen für das mitbringen, wofür sie gewählt wurden.

Das ist normal, das ist menschlich, das wäre nur dann gefährlich, wenn eine von diesen Ausnahmefiguren durch einen sonderbaren Umstand in die Lage käme, über die Richtlinien der Politik zu bestimmen. Ansonsten darf man ruhig auch hier von einem Selbstreinigungsprozess ausgehen. Wenn sich auch Krähen untereinander kein Auge aushacken, wer ihnen, als Gemeinschaft gefährlich werden könnte, den jagen auch Krähen aus ihrem Schwarm.

Die Ursache ist viel trivialer.

Im Bereich der Technik heißt es:

Komplexe Systeme neigen dazu,
an ihrer eigenen Komplexität zu kollabieren.

Ich habe das hautnah miterlebt.

In den frühen 80er Jahren entwickelte Siemens das digitale Telefonsystem EWSD, das wir heute noch als ISDN kennen und benutzen. Ich war als Projektmanager für den Softwarebereich fast von Anfang an dabei und habe ein bisschen dazu beigetragen, dass das erste Ortsamt dieser Technologie (Sunninghill Park, hieß es) pünktlich in Südafrika aufgebaut und einige Monate nach der offiziellen Einweihung auch wirklich in Betrieb gehen konnte.

Neben der reinen Telefonietechnik, also der Fähigkeit, Gespräche von einem A-Teilnehmer zum richtigen B-Teilnehmer durchzuschalten, dabei Gebühren zu erfassen, die Belastung des Netzes zu messen und darauf entsprechend zu reagieren, neben der Wartungstechnik, die z. B. das Einrichten neuer Anschlüsse ermöglicht, gab es da auch die so genannte „Sicherheitstechnik“. Ein Selbstüberwachungssystem für Hard- und Software, das Ausfälle von Baugruppen, wie auch sich aufhängende Software-Module erkennen und über abgestufte Schritte, bis hin zum totalen Neustart des gesamten Amtes, die notwendigen Korrekturmaßnahmen automatisch auslösen sollte, um die dem Kunden zugesagte hohe Betriebssicherheit mit ganz minimalen Ausfallzeiten zu garantieren.

Nun, das war der Grad an Komplexität, der das System regelmäßig zum kollabieren brachte.

Es war sicherer, die Anlage mit deaktivierter, noch besser, mit gar nicht installierter Sicherheitstechnik in Betrieb zu nehmen, als die Sicherheitstechnik zu aktivieren.

Gut, auch das hat man mit der Zeit zu beherrschen gelernt – doch genau dieses Problem taucht in allen komplexen Systemen in der einen oder anderen Form immer wieder auf, bis das System ausgereift – und damit in der Regel vom Fortschritt der Technik schon wieder überholt ist.

Dass ich meine Rolle als Projektmanager hier erwähne, hat jedoch noch einen anderen Grund.

Um überhaupt herausfinden zu können, was in diesem System funktioniert und was nicht, welche Störungen durch welches Subsystem ausgelöst wurden, welche Folgen dies für die Gesamtfunktion hatte, stand ich vor der Wahl, entweder Tonnen von Spezifikationen zu lesen (und damit habe ich mich auch eine Zeitlang herumgeschlagen), oder mich einfach gutgläubig auf das einzulassen, was mir die Spezialisten dazu erzählen.

Es waren ungefähr 2000 Softwareentwickler beteiligt, etwa ein Drittel davon in Boca Raton, Florida, einige hundert in Wien, der große Rest in München.

Unmöglich, im Augenblick des Auftretens eines gravierenden Problems mit dem Entwickler Kontakt aufzunehmen, der jene paar Zeilen Code geschrieben hatte, die das Problem auslösten – zumeist wurde selbst das erst sehr viel später herausgefunden.

Mit wem sprach ich also?
Worauf stützte ich meine Meinung, meine Entscheidungen ab?

Das waren vielleicht zwei Dutzend Menschen, die Vorgesetzten der Vorgesetzten derjenigen, die sich im Detail auskannten.

Was bei mir ankam, waren stark gefilterte Informationen, zumeist auch noch möglichst positiv gefärbt, gemischt mit Mutmaßungen darüber, wo die Ursache liegen könnte (überall, nur nicht bei mir), und diese Informationen bezogen sich auch nicht auf Details, sondern auf ganze Pakete von Programm-Modulen, von denen auch ich nur ungefähr wusste, wie sie im „Gut-Fall“ auf den Input, den sie im „Gut-Fall“ bekommen sollten, mit ihrem spezifischen Output zu reagieren hatten.

Da wird man pragmatisch, trifft Entscheidungen aufgrund von Empfehlungen, aufgrund von Meinungsbildungen über Wahrscheinlichkeiten, die in großen Besprechungsrunden entstehen, denkt am Ende nicht mehr daran, was der Kunde eigentlich wollte, sondern nur noch daran, wie man zum geforderten Termin mit einer Anlage beim Kunden antritt, der nicht auf den ersten Blick anzusehen ist, welche Macken da noch drin stecken, und man denkt schon darüber nach, auf welche Weise es gelingen könnte, zwangsläufig auftauchende Fehler „argumentativ“ zu überspielen …

Alles richtig machen zu wollen, ein perfektes Produkt auszuliefern und in Betrieb zu nehmen, hätte bedeutet, den Auftrag wegen unerträglicher Terminüberschreitung wieder abgeben zu müssen.

Und, was noch hinzukommt:

Viele Fehler und Macken wurden überhaupt erst dadurch gefunden und konnten nur dadurch behoben werden, dass die Anlage im realen Betrieb zeigen musste, was sie konnte.

Testumgebungen, so ausgefeilt sie auch immer sein mögen, bringen nur die Fehler ans Licht, an die man vorher gedacht hat …

So,

und nun stelle ich mir Angela Merkel vor, jene Frau, die mit ihrer Politik die Lebensumstände von rund 80 Millionen Deutschen zu gestalten hat, die zudem in Europa und in der gesamten westlichen Welt als einflussreiche Stimme gilt und ihre außenpolitischen Entscheidungen stets im Einklang mit der innenpolitischen Entwicklung halten sollte.

Ein einzelner Mensch,

der einer ganzen hochkomplexen Welt voller Probleme gegenübersteht, deren Ursachen nur selten im Bereich der Physik liegen, dem einzigen Fach, in dem sie zum Zeitpunkt ihres Studiums auf der Höhe der Kunst gewesen sein mag.

Was bleibt ihr anderes übrig, als sich auf den Rat eines kleinen Kreises von Experten zurückzuziehen, Probleme nur noch als Überschriften wahrzunehmen, ihr ganzes Regieren als das Unterfangen anzusehen, eine gigantische „Black-Box“ voller unbekannter Vorgänge, möglichst ohne großen Schaden anzurichten, über die Legislatur zu bringen und dabei so lange an den wenigen ihr zugänglichen Schrauben zu drehen, bis vorne herauskommt, was erwartet wird, obwohl das, was hinten hineingeschoben wird, vollständig außer Kontrolle, ja außerhalb des Sichtfeldes liegt.

Es ist leicht, jemandem Unfähigkeit vorzuwerfen, es ist leicht, Unwissen aufzudecken, das kann jeder, der sich irgendwo einmal ein Häufchen Fachwissen angeeignet hat, doch es ist unendlich schwer, die Rolle des Generalisten, die vom deutschen Bundeskanzler gefordert wird, so auszufüllen, dass am Ende das herauskommt, was er beim Ablegen des Amtseides geschworen hat.

Die Fähigkeiten, die dafür gefordert werden, liegen darin,

  • die richtigen Berater auszuwählen,
  • eigene Ziele zu formulieren und richtig zu kommunizieren.
  • Sie liegen darin, andere Menschen begeistern, inspirieren und motivieren zu können.
  • Sie liegen darin, zu ermöglichen, dass sich möglichst vieles, von dem Guten, das vorhanden ist, entfalten kann,
  • und sie liegen darin, auch aus dem Bauch heraus ganz früh zu erkennen, welcher Weg aussichtsreich und welcher Weg eher gefährlich und chancenlos ist.

Diese Fähigkeiten zu entwickeln, erfordert die Möglichkeit, auf dem Weg zur Meisterschaft
möglichst viele Fehler machen zu können und daraus zu lernen.

Und genau das ist in unserer Kultur nicht mehr vorhanden.

Oft genügt ein einziger Fehler, um in diesem Kampf, jeder gegen jeden, für lange Zeit auf der Ersatzbank sitzen zu müssen.

Die Lösung, die allgemein die besten Aussichten bietet, diesem Schicksal zu entgehen, heißt:

  • möglichst nie so konkret werden, dass einen eine Schuldzuweisung tatsächlich treffen könnte, und
  • Fehler niemals zugeben.

Das wiederum führt dazu, dass Fehlentwicklungen nicht gestoppt, sondern in sturem Beharren weitergeführt, ja noch ausgeweitet werden müssen. Hat ein Löffel Salz nicht genügt, um den Kaffee zu süßen, dann nehmen wir eben noch einen zweiten, und im Zweifelsfall probieren wir es am Ende mit einem ganzen Pfund.

Dass man eigentlich Zucker hätte nehmen sollen, das zuzugeben, hätte nur Hohn und Spott zur Folge – und das vorzeitige Ausscheiden, aus einem Rennen, bei dem es letztlich um überhaupt nichts geht.

Um nichts, als um das eigene Ego.

Hätte ein Spitzenpolitiker tatsächlich mehr zu fürchten, als im schlimmsten Falle erklären zu müssen: „Ich trete zurück“, wir hätten womöglich Politiker, die leichter vom falschen auf das richtige Gleis wechseln könnten.

Doch worin sollte eine Strafe für schädliche Politik bestehen?

Das private Eigentum als Pfand nehmen?

Wo ist so viel?

Wenn es bei der Euro-Rettung um Billionen geht, wer kann dafür noch mit Häuschen und Bankkonto hinreichend in Haftung genommen werden?

Drakonische Strafen? Gefängnis, Zuchthaus, Zwangsarbeit, Todesstrafe?

Wem hilft das?

Kluge Köpfe lassen die Finger von solchen Himmelfahrtskommandos.

Es bliebe also nur der andere Weg:

Die gesamtgesellschaftliche Abkehr von permanenter, boshafter Kritik, hin zu einer Fehlerkultur, die in jedem gemachten Fehler die Chance sieht, diesen nicht mehr wiederholen zu müssen.

Die Abkehr von Konkurrenzdenken und Futterneid, hin zu einem wahren Miteinander, die Abkehr von Schwindel und Lüge, hin zu Offenheit und zu dem Mut, um Nachsicht und Hilfe zu bitten.

Doch so weit ist die Menschheit insgesamt noch nicht.

So weit ist Europa nicht,
so weit ist Deutschland nicht,
so weit ist kein Bundesland,
so weit ist kaum eine Gemeinde.

Ansätze im Kleinen gibt es überall. Viele Familien funktionieren so, Freundeskreise, auch manche Gruppen von Arbeitskollegen, Teams, Forschungsgruppen, Tauschkreise – doch sobald der Kreis größer wird, ist unser Handeln von Misstrauen begleitet, oft auch von Missgunst, und der Teufelskreis findet neue Nahrung.

Wir haben also genau die Politiker, die unserem gesamtgesellschaftlichen Entwicklungsstand entsprechen.

Sie sind weder alle korrupt, noch alle unfähig Sie tun das, was sie können, auf der Basis der Informationen, die sie erhalten, und sie reden und handeln so, dass ihnen möglichst nie ein Fehler nachgewiesen werden kann.

Und wenn doch, dann werden sie nicht müde, darauf zu beharren, es sei kein Fehler gewesen, es habe an der zögerlichen Umsetzung, an zu wenigen Mitteln, an zu vielen Änderungen und Korrekturen, auf die man sich habe einlassen müssen, um die notwendige Zustimmung der Opposition zu erhalten, gelegen, nur nicht am eigenen Denken, an der eigenen Entscheidung, am eigenen Tun.

Und wir haben Politiker,

  • die kaum in der Lage sind, zu begeistern, zu inspirieren, zu motivieren,
  • die kaum in der Lage sind, die richtigen Berater auszuwählen,
  • die sich scheuen, eigene Ziele konkret zu formulieren und ausführlich zu kommunizieren,
  • die kaum in der Lage sind zu ermöglichen, dass möglichst vieles, von dem Guten, das vorhanden ist, sich entfaltet,
  • die zwar vielleicht in der Lage sind, frühzeitig aus dem Bauch heraus zu erkennen, welcher Weg aussichtsreich und welcher Weg eher gefährlich und chancenlos ist,
  • die aber dennoch den einmal eingeschlagenen Weg so lange zwanghaft weitergehen müssen, wie sie im Amt sind,

weil ihre größte Furcht darin besteht, eines Fehlers überführt zu werden.

Wenn wir also auf dem Weg in den Crash sind, und das sind wir ohne Frage, wird es mit den jetzt Regierenden nicht gelingen, einen anderen Weg zu beschreiten, bevor nicht das Ziel erreicht ist.

Und weil unsere Opposition ebenfalls keine Fehler machen darf, also das von den Experten und Beratern für richtig Gehaltene, mangels eigener Fachkenntnis nicht bezweifeln darf, wird daran auch ein Regierungswechsel, mit der SPD an der Spitze nichts ändern, egal, ob dabei die FDP oder die Grünen oder FDP und Grüne mit an Bord sind.

Selbst die Regierungsbeteiligung der Piraten oder der Linken würde daran – außer Marginalien – nichts ändern.

Wann also kommt der Crash?

Welcher Tag der Zukunft wird als der Tag X in die Geschichte eingehen?

Ich halte diese Fragestellung inzwischen für falsch.

Wir befinden uns auf einem abschüssigen Gleis. Es ist nicht mehr feststellbar, wann wir die letzte Weiche passiert haben, die uns noch einmal in die Waagrechte oder gar auf einen Aufstieg hin geführt hätte.

Begonnen hat die Entwicklung in der Zeit, als die Sowjet-Union zerbrach, als die DDR der Bundesrepublik Deutschland beigetreten ist, als Bundeskanzler Kohl den Mantel der Geschichte überzog und im Freudentaumel von blühenden Landschaften sprach, zugleich die Treuhand einsetzte, um die DDR dem westlichen Kapital zu unterwerfen und das produktivste Land des Ostblocks in eine Industriebrache umzugestalten.

Auch Kohl musste sich auf Berater abstützen, durfte keine Fehler machen und schon gar keine zugeben – und Oskar Lafontaine lieferte ihm mit seinen Bedenken die Steilvorlage, erst recht alles so zu machen, wie es im konservativen Dunstkreis für richtig gehalten wurde, die DM sofort und uneingeschränkt einzuführen, Löhne und Gehälter jedoch unter Westniveau zu drücken und mit dem Solidarpakt Steuergelder West in oft sinnlose Prestigeobjekte Ost zu stecken, Gelder, die dann im wesentlichen wieder Investoren und Unternehmern West zugute kamen.

Es folgte zweifellos als nächster Schritt die Einführung des Euros. Ohne jegliche wirtschaftliche Notwendigkeit, der Wunschvorstellung anhängend, die gemeinsame Währung würde schon dafür sorgen, dass in ganz Europa alles gut wird, gegen alle Bedenken ob der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Unterschiede, gegen alle schon damals vorgetragenen Szenarien einer Entwicklung, wie sie durch die Wegnahme des Instruments der Währungssouveränität zwangsläufig in Erscheinung treten müssten.

Danach kam Peter Hartz, in Kumpanei mit der Bertelsmann-Stiftung, auf die Idee, Gerhard Schröder die Agenda 2010 und seine Module zur Halbierung der Arbeitslosigkeit zu offerieren. Der Sozialabbau ging seinen Gang, und geht ihn immer noch, Deutschlands dadurch gestärkte internationale Wettbewerbsfähigkeit machte die Euro-Zone brüchig wie den Oberschenkelhals einer neunundneunzigjährigen Greisin.

Die gleichzeitig beschlossenen Erleichterungen für den freien Fluss des Kapitals, die bedingungslose Öffnung für die Globalisierung und die rigorose Deregulierung des Finanzsektors öffneten die Tore, so wie weiland Troja seine Tore einriss, um das hölzerne Pferd voller gegnerischer Soldaten gegen die Warnungen Kassandras und Laokoons im Triumphzug in die Stadt zu führen.

Um im Bild zu bleiben:

Die Soldaten sind längst aus dem Bauch des trojanischen Pferdes heraus. Die Grenzen der Nationalstaaten wurden in internationalen Abkommen geschleift, die Aufgabe der Souveränität steht – in harmloser Umschreibung – inzwischen als Staatsziel im Grundgesetz. Das Oberste Gericht steht nicht mehr zur Bundesrepublik, sondern zur „Weiterentwicklung“ Europas, und derweil schleifen die Plünderer und Brandschatzer ungehindert von jeglicher Gegenwehr ganz Europa.

Wir haben sie hereingelassen, waren besoffen vor Freude, endlich auch im großen Spiel mitspielen zu dürfen, und schauen nun an die Fassaden der Unternehmen, mit (einst) deutschem Namen und sehen dahinter die ausländischen Anteilseigner.
Es gibt keine Bundespost mehr, sondern einen international agierenden Konzern der Briefe und Pakete befördert und daneben eine Telekom, die sich einen Dreck darum schert, ob auch die Bürger auf dem flachen Land über schnelle Breitbandnetze ins Internet kommen, solange dies weder Aktienkurs noch Jahresgewinn nach oben treibt.
Wir haben eine privatisierte Bahn, noch im Bundesbesitz, aber dabei, sich aller unrentablen Strecken und Dienste zu entledigen, um attraktiv für die „Investoren“ zu werden.

Wir stehen in Abhängigkeit von vier Elektrizitätskonzernen und deren Töchtern, die ihre Preise nach Belieben festlegen und gegen die Bundesnetzagentur klagen – und Recht bekommen – wenn etwas ihrem Gewinnstreben entgegensteht.

Und wir haben diese Banken.

Banken, die als systemrelevant eingestuft werden, weil wir nicht wissen, wo das Geld herkommen soll, wenn es die Banken nicht beschaffen.

Wir hatten diese Banken, die jahrzehntelang als Blue Chips an den Börsen gehandelt wurden und den Anlegern fette Dividenden einbrachten, auch dann noch, als die ausgewiesenen Gewinne nur noch ausgewiesen werden konnten, weil die Aktiva maßlos überbewertet wurde, und wir haben ihnen gestattet, um sie zu erhalten, in der Bewertung ihrer Aktiva noch großzügiger zu werden und weiter Gewinne auszuschütten, weil niemand zugebend durfte, dass es ein Fehler war, die Herrschaft über das eigene Geld aufzugeben, dass es ein Fehler war, der Bundesbank nicht länger zu gestatten, per Ankauf von Staatsanleihen den Staat zu finanzieren, weil niemand zugeben durfte, dass es ein Fehler war, die komplette Geldschöpfung ausschließlich in die Hände privater Banken und deren Eigentümer zu legen.

So haben also die Staaten ihre (?) Banken gestützt und sind damit selbst immer tiefer in die Schuldenfalle geraten, teils mit echten Schulden, teils mit Bürgschaften.

(Und just am Wochenende haben die europäischen Finanzminister in einer gemeinsamen Aktion Spanien dazu überredet – ja, anders kann man das kaum nennen – Hilfen für die spanischen Banken anzufordern, 100 Milliarden, mal eben so.)

Im Augenblick sind wir dabei, nicht mehr nur Banken, sondern Staaten und Banken zu retten, in der aberwitzigen Hoffnung, dadurch, dass wir uns Geld leihen, und es den Geldgebern der Schuldner, von denen wir es uns leihen, auch gleich wieder zurückgeben, könnten die rührselig werden und die Zinsen senken.

Dieser Krug wird so lange zum Brunnen gehen, bis er bricht.

Von Seiten der globalen Finanzwirtschaft besteht immer noch Interesse, die Staaten der Euro-Zone insgesamt noch tiefer in die Schulden zu treiben, um immer weiter wachsende Ansprüche gegen die Völker und die Volkswirtschaften zu gewinnen.

Und es besteht kaum ein Interesse, diese Ansprüche durch Inflation entwerten zu lassen.
Deshalb findet fast nichts von den Abermilliarden, die inzwischen in den Markt geworfen wurden – und das nicht nur in Europa! – seinen Weg in die Realwirtschaft.

Im Gegenteil, dort werden die Sparzwänge immer härter, es fehlt an Steuer- und Beitragseinnahmen, und dass Deutschlands Steuerschätzer für Deutschland wieder einmal ein Plus ausgemacht haben, ändert am Gesamtbild nichts. Es zeigt nur, dass es in Deutschland noch ausbeutbare Reserven gibt, was den Druck auf Deutschland, sich den Eurobonds nicht länger entgegen zu stellen, in Erwartung eines einträglichen Raubzuges nur immer weiter erhöht, obwohl spätestens mit der Ratifizierung der ESM-Gründung sowieso keinerlei Hindernis besteht, von Deutschland abzufordern, was immer gewünscht wird.

Ich habe schon früher des öfteren das Bild des Drachen gezeichnet, dem in regelmäßigen Abständen Opfer gebracht werden, damit er friedlich bleibt.

Nun, das hat dem Drachen gut getan.

Er hat Gesellschaft bekommen. Von überall auf der Welt sind uns neue Drachen zugeflogen, und mit der Zahl der gierigen Mäuler steigen auch die Anforderungen an Qualität und Quantität der Opfergaben.

Es wäre aber ein Fehler, zuzugeben, einen Fehler gemacht zu haben, als niemand wagte, den ersten Drachen zu töten.

Es ist doch all die Jahre gutgegangen. Wir hatten uns perfekt mit dem Drachen arrangiert. Der Drache hatte sein Opfer und wir unsere Ruhe.

Alles rein quantitativ – an der bestehenden und gewohnten Ordnung ändert sich doch nichts.

Jetzt müssen wir halt ein bisschen mehr Opfer bringen, mehr Drachen durchfüttern, das schaffen wir schon, vor allem wenn wir alle fest zusammenhalten, Wachstum über steigende Wettbewerbsfähigkeit generieren, und uns in europäischer Solidarität üben.

Was hat das Füttern des Drachens mit europäischer Solidarität zu tun,
frage ich mich an dieser Stelle.

Ist es solidarisch, sich gemeinsam dem Schrecken ohne Ende hinzugeben?

Solange niemand den Mut findet, die paar Drachen zu köpfen, ist das tatsächlich die Solidarität der Wahl.
Ja.

Noch gilt es als Fehler, zu behaupten, die Drachen seien leicht zu besiegen, man müsse es einfach nur einmal wagen.

Gut, sie würden eine Weile noch um sich schlagen, Feuer speien, es würde Opfer kosten – doch danach hätte man seine Ruhe …

Zu viele haben es sich mit den Drachen gut eingerichtet. Haben sich arrangiert, beziehen ihre Macht sogar daraus, damit drohen zu können: Wer nicht spurt, wird den Drachen zum Fraß vorgeworfen.

Oh ja: „Lasst euch ohne Murren die Löhne senken, oder ihr fallt in Hartz IV“, so einfach ist das heute.

Und von ganz oben heißt es – sehr viel feinfühliger:

„Wir fordern Augenmaß von den Tarifparteien“,

und hat doch die ganz und gar gleiche Bedeutung.

Und so werden wir weiter opfern.

Es wird auch weiter eine Einkommenspyramide unter den Beschäftigten geben, sonst stürbe ja der Wettbewerb, jeder gegen jeden. Doch das Niveau wird weiter sinken.

Wer sagt denn, dass der Lebensstandard in Deutschland höher sein muss als der in China?

Wir haben nach dem Krieg das Wirtschaftswunder erlebt, einen Aufschwung hingelegt, wie im Bilderbuch, doch jetzt ist der Zenit überstiegen. Im gesättigten Markt sind zusätzliche Gewinne ein Nullsummenspiel.

Also kommt jetzt die Schraubzwinge „Schulden und Zinslast“ dran. Die führt zur freiwilligen Selbstbeschränkung, wir sind zufrieden, mit dem, was die Drachen übrig lassen.

Wir hungern ein bisschen, vielleicht,
wir arbeiten mehr, so wir Arbeit haben,
nehmen seltener Urlaub,
sterben wieder ein bisschen früher
und gehen vorher weniger zum Arzt.

Alles für die Drachen.
Als Dank, dass sie uns überhaupt am Leben lassen.

Es gibt so viele Länder auf dieser Welt, deren Bevölkerung auf sehr viel niedrigerem Niveau lebt. An denen dürfen wir uns ein Beispiel nehmen. Als das begann, Ende der 70er Jahre, sollten wir von der Bescheidenheit der Japaner lernen – die Älteren erinnern sich noch daran.

Die Talfahrt geht weiter. Es braucht keinen Crash.

Die Trennung zwischen Arm und Reich strebt der Vollendung entgegen.
Die Mittelschicht trocknet aus – und die Krähen oben scheinen sich geschworen zu haben, sich gegenseitig kein Auge auszuhacken, diesmal.

Es sind ja auch gar nicht so viele.
Vor kurzem gab es die Meldung, dass kaum mehr als 100 Aktiengesellschaften,
die meisten davon Banken, die Welt beherrschen.

Solange die Drachen gefüttert werden, brauchen sie sich untereinander nicht zerfleischen. So einfach ist das.

Und solange es offizielle europäische Politik ist, den Drachen jeden Wunsch von den Augen abzulesen, solange das „Wohlwollen der Märkte“ höher im Kurs steht, als das Wohlergehen der Bürger, solange wird sich daran nichts ändern.

Es wird härter, Tag für Tag, Woche für Woche, doch Tag für Tag sterben auch welche, die sich noch an bessere Zeiten erinnern konnten und es kommen neue dazu, für die alles, was sie vorfinden, ganz normal und alternativlos ist. Wozu also aufregen, das Problembewusstsein stirbt aus. Ganz von alleine.

Fazit:

Die da oben können nicht anders, und unsere gesamtgesellschaftliche „Kultur“ ist die Ursache dafür, dass sie auch nicht in der Lage sind, sich zu korrigieren.

Der Crash kommt erst, wenn wir aufhören, die Drachen zu füttern.
Er trifft zuerst die Drachen, unter denen es daraufhin ein Gemetzel geben wird.
Er trifft auch alle, die sich mit den Drachen arrangiert haben.
Er müsste jedoch keinen Ziegelstein und kein Zahnrad der Realwirtschaft treffen,
würden wir uns nicht nur weigern, den Drachen weiterhin Opfer darzubringen, sondern ihnen darüber hinaus auch die Macht über die Produktionsmittel und die natürlichen Ressourcen entziehen.
(Anti-Trust-Gesetze und Kartellamt haben das nicht zuwege gebracht, leider.)

Ein Aufstand wird nicht kommen.
Allenfalls nach dem Crash – und der wird nichts bewirken.

Wie sich also persönlich vorbereiten?

Kann man sich auf eine schleichende, chronische Krankheit vorbereiten, von der man bereits betroffen ist? Auf eine Seuche, von der die gesamte Bevölkerung bereits befallen ist?

Vorbereitung ist da wohl ein unangebrachter Terminus.

Die folgenden Gedanken befassen sich mit der Frage, wie jeder einzelne für sich die Symptome lindern und die Chance zu überleben, bis endlich eine wirksame Therapie gefunden ist, zu erhöhen.

Ein Teil davon weist, bei Übertreibung, in die Illegalität, dessen bin ich mir bewusst und warne daher ausdrücklich davor, über die Grenzen der Freiräume hinauszugehen.

In diesem Staat wird das geltende Recht noch immer durchgesetzt, und das kann schnell dazu führen, vom Regen in die Traufe zu kommen.

Wenn wir davon ausgehen, dass es erklärtes Ziel ist, durch Überschuldung und Schuldendienst an die Ergebnisse der Arbeit und an vorhandene materielle Werte, insbesondere langlebige Sachwerte zu gelangen, dann kann die übergeordnete Maxime für jeden einzelnen nur lauten:

Schulden meiden, Schulden abbauen.

Dass mit den Schulden gleichzeitig das Geld weniger wird, weil es ja immer erst durch einen neuen Kredit wieder in den Kreislauf kommt, ist ein Problem, das es dabei zu berücksichtigen gilt.

Ich kann jedem nur raten, spätestens jetzt damit zu beginnen, sich von bestehenden Schulden zügig zu befreien. Heuer die auf Pump gebuchte Urlaubsreise ausfallen zu lassen, ist besser als sich jahrelang nichts als Kartoffeln und Salz leisten zu können.

Die Zinsen werden nicht so niedrig bleiben, wie sie es jetzt noch sind.

Das auch als Warnung an jene, die heute Kredite aufnehmen, um z. B. Immobilien, oder – noch waghalsiger – Gold und andere Edelmetalle zu kaufen.

Die (Real-) Einkommen werden weiter sinken, die Arbeitslosigkeit wird weiter zunehmen, der Schuldendienst wird immer schwieriger werden.

Wer allerdings Geld übrig hat, sollte Wege suchen, aus dem Geld heraus zu kommen und in die Sachwerte einzusteigen.

Eine so genannte „Währungsreform“ ist nicht auszuschließen, und es ist prinzipiell besser, nach dem Währungsschnitt gehortete Waren anbieten zu können, als nach dem Währungsschnitt mit abgewertetem Geld einkaufen zu müssen.

Einen Grund zur Panik sehe ich allerdings noch nicht, es ist immer noch Zeit, gut zu wählen und reiflich zu überlegen.

Für den einen mag ein Grundstück geeignet sein, für den anderen kann es gut sein, die eigene Heimwerkerausrüstung in Richtung „Autonomie“ weiter auszubauen, und sich einen Vorrat an Material und notwendigem Kleinzeug zuzulegen, was durchaus auch der Grundstock für eine kleine Selbstständigkeit sein könnte, falls der eigene, ganz sicher geglaubte Arbeitsplatz, plötzlich doch auch wegfallen sollte.

Der Möglichkeiten, übriges Geld sinnvoll zu investieren, gibt es viele, doch die sind eben von Einzelfall zu Einzelfall ganz unterschiedlich.

Von den privaten Schulden kann sich (theoretisch) jeder befreien, von den Staatschulden nicht.

Die Steuerschraube wird auch in Deutschland weiter angezogen werden.
Zuerst wird es wieder die Mehrwertsteuer sein, dann die Lohnsteuer, auch Tabak- und Mineralölsteuer sind beliebt zur Aufbesserung der Staatskasse, und die Autobahnmaut wird auch kommen, zweifellos.

Gut dran, wer da wenigstens Teile seines Bedarfs selbst erzeugen kann.
Gut dran, wer Freunde hat, die etwas können, was man sonst teuer einkaufen müsste.

Die Organisation von Tauschringen aller Art wird ein Ausweg aus der Steuerfalle sein.

Nachbarschaftshilfe ist erlaubt, Preise kann auch jeder so festsetzen, wie er es für angemessen hält. Ja, man darf sogar selbstgebackenen Kuchen als Geschenk austeilen, halt nicht regelmäßig, und nicht in Erwartung einer Gegenleistung …

Doch dies wird einer der Wege sein, wie man sich das Leben erleichtern, wie man auch als Arbeitsloser und Rentner etwas zum eigenen Lebensunterhalt beitragen kann, indem man sich in kleinen und engen Gemeinschaften einfach gegenseitig hilft und unterstützt.

Warum nicht heute schon damit beginnen?

Neben reinen Tauschringen sollten mit dem Zunehmen des Drucks der Krise auch die so genannten

„Komplementärwährungen“

mehr Zulauf und Akzeptanz finden. Wer keinen Euro hat, aber wenigstens einen Xyz-Taler, der kann damit kaufen und Handel treiben. Im Zweifelsfall natürlich steuerpflichtig, was auch wieder das gesetzliche Zahlungsmittel erfordert, doch ist es allemal besser, rings um den eigenen Kirchturm ein eigenes Zahlungsmittel emittieren und einsetzen zu können, als ganz auf den Euro angewiesen zu sein, der – wie vom großen Staubsauger eingezogen – dank größtmöglicher öffentlicher Sparsamkeit, immer seltener zu sehen sein wird.

Und wenn sich die Regionalwährungshüter im Zuge der Krise freiwillig von unnötigem Ballast befreien, wie es z. B. eine Umlaufsicherung oder eine feste Bindung an den Euro, oder gar eine „Währungsreserve“ in Euro darstellt, wenn sie sich also auf die Rheingold-Idee zu bewegen und Geld emittieren lassen, von ihren Mitgliedern, gegen nichts als deren Zusage, die Währung auch selbst wieder anzunehmen, dann könnte das helfen, eine Not, die aus reinem Geldmangel heraus geschaffen wird, ganz ordentlich zu überstehen.

Zudem dürfte es sehr sinnvoll sein, sich in puncto Mobilität zu bescheiden.
Autofahren ist zwar immer noch eine sehr schöne, sehr angenehme Art der Fortbewegung und für viele unabdingbar, um überhaupt zur Arbeitsstelle oder zum nächsten Einzelhandelsgeschäft zu gelangen.

Doch diese Art der Fortbewegung ist teuer, wird immer teurer, und der Nachschub an Benzin und Diesel wird unsicherer.

Statt also eines Tages vor geschlossenen Tankstellen zu stehen, oder auf die nächste Benzinzuteilung zu warten, ist es sinnvoll, sich schon heute die Frage zu stellen, was – vielleicht geringfügig teurer – auch auf kurzem Wege, zu Fuß oder per Rad, zu kaufen und zu erledigen sein könnte. Gesund ist es außerdem und es fördert die nachbarschaftlichen Beziehungen.

Größere Vorräte an Kraftstoff anzulegen, ist den meisten aufgrund bestehender Bau- und Brandschutzvorschriften nicht erlaubt.

Dass der Staat von seinen Bürgern

Zwangsanleihen

einheben wird, ist ebenfalls nicht auszuschließen. Es kann also durchaus sein, dass Sie auf Ihr Haus eines Tages eine Hypothek aufnehmen müssen, um den Kreditbetrag an Vater Staat zu überweisen.

Das ist aber kein Grund, jetzt das Haus aufzugeben und in eine Mietwohnung zu ziehen. Als Mieter trifft Sie das nämlich auch, weil diese Kosten natürlich auf die Miete umgelegt werden.

Doch weil das nicht zwangsläufig so kommen muss und dem, sollte es soweit kommen, kein Normalsterblicher entkommen kann, ist es viel besser, das mietfreie Wohnen im Eigenheim zu genießen, so lange es möglich ist.

Ob und wie stark Sie ihr Eigenheim oder ihre Mietwohnung gegen Einbruch und Diebstahl sichern sollten, kann nur jeder selbst entscheiden. Die Gefahr wird wachsen, weil einige ihr Glück in der Kriminalität suchen werden, und die Aufklärungsquoten werden nicht steigen, weil die Polizei meist anderes zu tun hat, als Wohnungseinbrüchen nachzugehen.

Es gibt kein Patentrezept für den Crash,

denn der kommt wohl nicht als ein punktuelles Ereignis am Tag X über uns, sondern langsam, jeden Tag ein Stück weiter, wie eine unendlich zähe Masse, aber dennoch unaufhaltsam.

Auf dem Weg nach unten hilft es, Schulden abzubauen und übriges Geld in nützliche Anschaffungen zu investieren.
Tauschringe, Regionalwährungen und Nachbarschaftshilfe ganz allgemein, werden an Bedeutung gewinnen. Die Strukturen dafür zu legen, ist sicherlich jetzt noch ein günstiger Zeitpunkt.

Soweit meine persönliche Meinung zum Tag X.

Sie haben andere Erfahrungen, andere Kenntnisse, die mir fehlen.
Sie sind optimistischer oder pessimistischer, Sie glauben an den Sieg der Gerechtigkeit und das Gute im Menschen mehr oder weniger als ich, das ist alles gut.

Und gut ist es auch, wenn Ihnen diese Einzelmeinung hilft, Ihre eigenen Argumente zu prüfen und bei allen sich bietenden Gelegenheiten noch sicherer dafür einzustehen.
(Am Donnerstag um 5.09 Uhr schrieb mir Ulli Wandersleb-Münst, dass sich doch noch ein „ver-“ im Text befindet. Nun heißt es hier, statt: „… noch sicherer zur vertreten“, „… noch sicherer dafür einzustehen“. Danke Ulli!)

Und damit wünsche ich uns allen viel Glück,
vor allem, dass die Bremsen der Achterbahn,
auf der wir uns befinden, so gut funktionieren,
dass wir nach der wilden Fahrt alle heil
aussteigen und mit weichen Knien
den Weg in den nächsten großen Zyklus finden.

Ob unsere Nachkommen daraus lernen werden, ist ungewiss.
Wir haben auch nicht gerade viel besser gemacht als unsere Vorfahren.


Quelle und Kommentare hier:
http://www.egon-w-kreutzer.de/0PaD2012/23.html