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Wofür? Nato bereitet Luftstreitkräfte auf Krieg in dicht besiedelten Gebieten vor

von vpk.ru

Die Nato-Führung hat im Juni – erstmals in ihrer fast 70-jährigen Geschichte – eine Joint Air Power (JAP) Strategy verabschiedet, in der Kriterien zu den Vereinigten Luftstreitkräften der Allianz formuliert sind – einem der wichtigsten Elemente der regionalen und globalen Strategie des westlichen Militärbündnisses.

Die Verfasser des Dokuments machen auf in den vergangenen Jahren entstandene Faktoren aufmerksam, die die Zuversicht in die Fähigkeit der Vereinigten Luftstreitkräfte infrage stellen, erfolgreich gegen jede wahrscheinliche Herausforderung und Bedrohung für Mitgliedsstaaten sowie Länder, die unter ihren Schutzherrschaft stehen, zu kämpfen. Dabei geht es vor allem um effektivere Flugabwehrmittel, Mittel der funkelektronischen Bekämpfung und Operationen im Cyberraum.

Bedienungsanleitung

Laut der Strategie soll die Voraufklärung der Vereinigten Luftstreitkräfte verbessert werden, mit der die Ziele und Einschätzung der Folgen von Luftangriffen durch Heranziehung von Spezialeinheiten aller Typen von Streitkräften und Cybertruppen aufgedeckt werden:

„Handlungen im Cyberraum und funkelektronische Bekämpfung verändern bedeutend die Dynamik der Luftoperationen.“

Das Dokument verweist auf eine flexible Anpassung der Vereinigten Luftstreitkräfte an die neuen Bedingungen durch die Vervollkommnung ihrer Fähigkeit, an Kampfeinsätzen im Zusammenwirken mit Bodentruppen und Marineeinheiten teilzunehmen, die nicht nur den Boden- und Seeraum, sondern auch den Cyberraum sowie den Weltraum umfassen.

Vorgesehen ist die Implementierung von neuen Steuer- und Kontrollsystemen, die Schaffung einer modernen Infrastruktur und Logistik, die Verbesserung der Ausbildung des Personals sowie die Durchführung von Veranstaltungen zur Implementierung der Innovationen. Besondere Aufmerksamkeit ist einer effektiven strategischen Kommunikation gewidmet, die als Hauptelement im modernen internationalen diplomatischen und Informationsbereich dient und der Allianz freien Handlungsspielraum in der Luft und die vollständige Nutzung der Stärke der Vereinigten Luftstreitkräfte gewährleistet.

In der Strategie wird die Notwendigkeit der Integration zwischen verschiedenen Operationsbereichen, der Koordinierung der militärischen und zivilen Beziehungen, der Berücksichtigung der Wahrscheinlichkeit einer bewaffneten Konfrontation mit gleichwertigen Gegnern unter Bedingungen einer schwierigen Lage, von asymmetrischen/hybriden Handlungen und den Folgen der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und Urbanisierung hervorgehoben. Letzteres bedeutet die Notwendigkeit der Vorbereitung der Vereinigten Luftstreitkräfte auf Operationen in dicht besiedelten Gebieten bei gestiegenen Anforderungen an die Fähigkeiten, Militärs und friedliche Zivilisten zu unterscheiden. Als wichtige Aufgabe gilt die Entwicklung der Erkennungssysteme „Feind/Freund“, um zu verhindern, dass zivile Flugzeuge und Hubschrauber getroffen werden.

Die Strategie wird also als Basisdokument zur Entwicklung des Fundaments einer operativen Anwendung der Kampffliegerkräfte, der Schaffung neuer Kräfte und Mittel angesehen. Es umfasst das gesamte Spektrum der Vorbereitung der Vereinigten Luftstreitkräfte, darunter ihre Organisierung, materielle Versorgung (Infrastruktur und Logistik), Personal, Kompatibilität der Waffenmodelle, Stabsverfahren, Kommando- und Kontrollsysteme sowie Gewährleistung einer schnellen Verlegung von Technik und Personal über Staatsgrenzen hinweg.

Sich selbst und Bündnispartner schützen

In dem Dokument wird die Verknüpfung von Luftoperationen mit der Lösung von drei Hauptaufgaben der Allianz vorgenommen, wie sie im jetzigen strategischen Nato-Konzept vorgesehen sind: kollektive Verteidigung, Krisenregelung und Gewährleistung der Sicherheit auf Grundlage von Kooperation. Zudem wird auf die Notwendigkeit der Abschreckung von potentiellen Gegnern, die Projizierung der Stabilität und den Kampf gegen den internationalen Terrorismus hingewiesen.

n Bezug auf die kollektive Verteidigung sollen die Vereinigten Luftstreitkräfte ihre Bereitschaft zeigen, jedem Allianzmitglied sofort mit der Anwendung von konventionellen bzw. Atomwaffen zu helfen, an konventionellen Operationen, ihrer Eskalation und Deeskalation sowie an den Handlungen der integrierten Flugabwehr bzw. Raketenabwehr in Friedenszeiten, Krisen bzw. Militärkonflikten teilzunehmen.

Bei Operationen zur Krisenregelung verfügen die Vereinigten Luftstreitkräfte der politischen Führung der Nato über ein breites Spektrum von flexiblen militärischen Möglichkeiten zum Reagieren auf Konflikte von verschiedener Intensität und Ausmaß sowie zur Durchführung von Operationen zu deren Verhinderung. Bei einem akuten Bedarf an Intervention übernehmen gerade die Vereinigten Luftstreitkräfte die Führungsrolle, am Ende der Krise werden die Streitkräfte zur Überwachung der Lage in der Region genutzt.

Laut der Strategie wird den Vereinigten Luftstreitkräften zur Gewährleistung der Sicherheit auf Grundlage der Kooperation mit Bündnispartnern große Bedeutung beigemessen. Nato-Luftfahrtexperten werden unter anderem zur Entwicklung der Militärinfrastruktur und Standardisierung der Stabsverfahren in Partnerstaaten herangezogen. Ohne das kann man bei gemeinsamen Operationen, der Nutzung des Luftraums für zivile und militärische Ziele, der Aufnahme von Kontakten zwischen den Militärs sowie dem Austausch von Informationen und der Erhöhung der Kompatibilität der Einheiten nicht auskommen.

Gemäß den Beschlüssen des Ständigen Nato-Rats werden Maßnahmen abgestimmt, die mit der Regelung der Folgen einer möglichen Vernichtung von ballistischen Raketen des Gegners auf dem Territorium anderer Staaten durch die Raketenabwehrsysteme verbunden sind.

Wichtigste Charakteristika

Die Vervollkommnung der Technologien, die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, die Integration der Anwendungsmethoden der ballistischen Raketen und Marschflugkörper, die Handlungen im Cyberraum und die radioelektronische Bekämpfung werden die Dynamik der Operationen der Vereinigten Luftstreitkräfte der Nato verändern, deren Pläne eng mit den Absichten anderer Gattungen verknüpft sein müssen.

Vor den Vereinigten Luftstreitkräften steht die Aufgabe, unabhängig von der Situation gut geschützte Ziele in einem mit anderen Kampfmitteln gespickten Luftraum zu attackieren. Dennoch ändern sich die wichtigsten Charakteristika der Stärke nicht und umfassen weiterhin:

—  Geschwindigkeit, was die Fähigkeit vorsieht, im eigenen Interesse den zeitlichen Faktor zu nutzen und die Intensität des Einsatzes der Fliegerkräfte zu kontrollieren;

—  Reichweite, die mit der Fähigkeit verbunden ist, tief in das gegnerische Territorium einzudringen und in weit entfernten Regionen vorzugehen;

—  Höhe, die einen Einsatz aus vorteilhaftesten Positionen ermöglicht.

Dazu gehören auch die Allgegenwärtigkeit sowie die Schnelligkeit von Bewegung und Konzentration. Diese Kombination ermöglicht ein flexibles und leicht anpassungsfähiges Instrument der Nato-Politik. Bei der Entwicklung der Luftstreitkräfte soll der negative Einfluss von Faktoren auf die Effizienz und Kampffähigkeit der Luftstreitkräfte der Nato eingeschränkt werden, die mit den Nachteilen bei der Wartung am Boden, von Umrüstung und Ausbildung des Personals verbunden sind.

Für lange Zeit

Große Aufmerksamkeit ist in der Strategie der Analyse der Quellen der Herausforderungen und Bedrohungen für die Allianz gewidmet. Als potentielle und reale Gegner werden sowohl Staaten als auch andere Akteure betrachtet (darunter Terroristen). Es wird berücksichtigt, dass die Gefahr nun auch von Hybrid-Angriffen und Verbrechen im Cyberraum ausgeht.

Es wird behauptet, dass die künftigen Herausforderungen und Bedrohungen grenzübergreifend sein werden. Die Verfasser der Strategie gehen davon aus, dass beim Kampf gegen einen gleichstarken Gegner der Vorteil in der Luft nicht in kurzer Frist erreicht werden kann. Es sei ein beharrlicher Kampf erforderlich, um den Gegner dem eigenen Willen zu unterwerfen.

Damit zielt die Strategie auf die Verbesserung der effektiven Nutzung der Vereinigten Luftstreitkräfte der Nato ab. Die Luftwaffen-Experten der Allianz sollen zu Handlungen unter schweren Bedingungen bereit sein, dabei wird eine moderne, flexible organisatorische Struktur helfen. Sie soll einen allmählichen Übergang von der friedlichen zur Kriegszeit gewährleisten und es bei einer plötzlichen Änderung der Situation in den von der Allianz kontrollierten Regionen ermöglichen, sofort mit der Erfüllung der Kampfaufgaben zu beginnen.

Die Joint Air Power (JAP) Strategy enthält neben der 2011 verabschiedeten Marinedoktrin konkrete Anweisungen zur Anpassung der Streitkräfte der Allianz an die derzeit turbulenten Zeiten in der Welt. In dem Dokument ist kein direkter Hinweis enthalten, gegen wen in erster Linie Operationen der Vereinigten Luftstreitkräfte der Allianz geplant werden, doch es bestehen keine Zweifel, dass die Nato Russland als eine gleichstarke Kraft bezeichnet.