Clicky

Vor 79 Jahren – was wirklich geschah

von Mathias Ueck

Und dann wurde jenes Telegramm abgefangen, welches auch die letzte Hoffnung der Reichsregierung auf Verhandlungen zunichte machte. Dahlerus berichtet darüber in seinem Buch »Der letzte Versuch« auf Seite 111f.:

„12 Uhr 30 – es war der 31. August – verließ ich die englische Botschaft und begab mich zu Görings Wohnung in Berlin … Als ich hinkam, war Göring gerade damit beschäftigt, in den Zimmern herumzugehen und seiner Privatsekretärin, Fräulein Grundtmann, Anweisungen zu geben, welche Kunstgegenstände entfernt werden sollten, um sie vor befürchteten Luftangriffen zu schützen. Er unterbrach seinen Rundgang und wir nahmen Platz in seinem Arbeitszimmer, das wie die aller deutschen Führer ungeheure Dimensionen hatte. Als deutlichen Beweis für das energische Streben der Engländer, den Weg für Unterhandlungen zu ebnen, erzählte ich Göring, dass Henderson mich gebeten hatte, Lipski zu besuchen und dass ich dies auch getan hätte. Dagegen hütete ich mich wohl, auf irgendwelche Einzelheiten des Besuchs einzugehen.

Gleich nach 13 Uhr kam ein Adjutant und übergab einen Umschlag des Auswärtigen Amtes, der eben mit Eilkurier gekommen war. Es war ein roter Umschlag der Art, die der Kennzeichnung besonders dringender Staatsangelegenheiten diente. Göring riss den Umschlag auf und las den Inhalt durch, fuhr auf wie aus einer Kanone geschossen und fing an, heftig erregt auf- und abzugehen. Er erklärte in zornigem Ton, nun habe er den wirklichen Beweis in der Hand, den Beweis, dass die Polen jede Verhandlungsmöglichkeit sabotierten.

Es dauerte mindestens fünf Minuten, ehe er sich soweit beruhigt hatte, dass ich – ohne Fragen zu stellen – den Inhalt erfuhr. Die Deutschen hätten, erklärte Göring, ein in Berlin 12 Uhr 45 eingegangenes Chiffretelegramm der polnischen Regierung in Warschau an Lipski aufgefangen. Er hatte eine Abschrift der deutschen Übersetzung dieses Telegramms bekommen und hatte nun Gelegenheit, mit Nachdruck zu betonen, dass es der Fehler der Polen und nicht Ribbentrops sei, wenn keine Verhandlungen zustande kämen. Göring betrachtete den Inhalt als einen so klaren Beweis hierfür, dass er das Telegramm eigenhändig abschrieb, mir die Abschrift gab und bat, Henderson den Inhalt mitzuteilen. Gleichzeitig betonte er ausdrücklich, dass er ein großes Risiko auf sich nähme, wenn er dies täte und seine Bedenken zurückstelle; er sei aber der Auffassung, dass Henderson wissen müsse, wie die Polen sich benähmen.

Das Telegramm findet sich auch in Polens Weißbuch (englischer Text) Nr. 110, S. 119 und in Englands Blaubuch Nr. 102, S. 200 in Form einer Mitteilung von Henderson an Halifax.“

Der hier veröffentlichte „offizielle“ Teil des Textes ist dem 1940 erschienenen Dokumentenband »Die polnisch-deutschen und die polnisch-sowjetrussischen Beziehungen im Zeitraum von 1933 – 1939« entnommen (S. 159).

(Vom Außenministerium der Republik Polen autorisierte ungekürzte und unveränderte Übersetzung der Originalausgabe der offiziellen Dokumentensammlung)

Der vollständige Wortlaut wurde bereits 1968 von Columbia University. Press New York u.a. in dem aus dem Nachlass Lipskis herausgegebenen Buch »Diplomat in Berlin 1933 – 1939« auf Seite 572 veröffentlicht (keine deutsche Übersetzung vorhanden):

DOCUMENT 161 Beck to Lipski
Warsaw, August 31, 1939
Telephonogram to the Polish
Ambassador in Berlin
With reference to your reports, please request an interview with the Minister of Foreign Affairs or the Secretary of State, and inform him as follows:
Last night the Polish government was informed by the British government of an exchange of views with the Reich government as to the possibility of direct understanding between the Polish and the German governments.
The Polish government is favorably considering the British government’s suggestion and will make them a formal reply on the subject in the next few hours at the latest.
End of declaration for the Ministry of Foreign Affairs. Next passage for the Ambassador’s information.
Please do not engage in any concrete discussions, and if the Germans put forward any concrete demands, say you are not authorized to accept or discuss them and will have to ask your government for further instructions.