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Von Xantens Kolumne – Zwischen Mittagessen und Nachtisch

Von Siegfried von Xanten

1933 begann gar nicht 1933, sondern 1918. Durch den vorgesehenen Reichsverweser. Prinz Max von Baden. Sagt die Bordkapelle.

Ein Prinz, der fürs Militär keine Leidenschaft aufbringen konnte. Die Uniform trug er nur, weil obligatorisch für die Adligen im Kaiserreich. Den Krieg erklärte er schon nach wenigen Tagen als für sich beendet. Zu laut und zu schmutzig. Um die öffentliche Meinung zu beruhigen, kümmerte er sich um den Sanitätsdienst und ums Baden. Hätte es mit der Stillen Post vielleicht gelautet. Tatsächlich kümmerte er sich um den Sanitätsdienst in Baden. Und das Reich ging baden.

Verwesen, verrotten und verderben darf man nicht in einen Topf werfen. Unter Verwesung versteht man die Prozesse, die nach dem Tod eines Organismus ablaufen. Von Verrottung spricht man dagegen bei pflanzlichem Material.

Und Verderben? Können zum Beispiel Lebensmittel. Oder Spaß. Kann man jemandem verderben. Und das ist ärgerlich für den mit dem verdorbenen Spaß. Andererseits wird der unverdorbene Spaß gerade bei Ärger gern herbeizitiert: Du machst mir vielleicht Spaß!

Wenn sich also der Spaß verbal blicken lässt, muss man schon genauer hinschauen. Manchmal kann er auch teuer sein. Der Spaß. Und in Süddeutschland wird es ernst, wenn der Spaß ein Loch hat.

Kein Spaß, sondern ein Himmelfahrtskommando sei es im Oktober und November 1918 für den Reichverweser gewesen. Sagt die Bordkapelle. Himmelfahrtskommando. Ein dem militärischen Jargon entstammender Begriff. Für einen besonders gefährlichen Auftrag. Für einen Kamikaze-Befehl. Mit anschließender Himmelfahrt.

Den Zutritt in die zivile Umgangssprache verschaffte sich der Begriff unter Verzicht auf die Himmelfahrt. Es gibt also Begriffe, die ziemlich dick auftragen und kaum etwas oder gar nichts von dem halten, was sie versprechen. So etwa verhält es sich auch mit dem Begriff des Reichsverwesers. Nur anders.

Ein Verweser ist ein Vertreter. Im Schweizerischen zum Beispiel „für einen nicht-schulischen Lehrer, der fachübergreifend gebildet ist“. Oder auch „für den Stellvertreter eines ordentlich gewählten Pfarrers.“

Und ein Reichsverweser vertritt den Monarchen bei längerer Abwesenheit oder in der Zeit zwischen dessen Tod und der Thronbesteigung seines Nachfolgers. Die Thronvakanz. Beim Heiligen Stuhl spricht man auch von Sedisvakanz. Der leere Stuhl. Die Reise nach Jerusalem. Auch Reise nach Rom oder Stuhlpolonaise genannt. In Österreich auch Sesseltanz. Ein Gesellschaftsspiel, bei dem nur einer Papst werden kann.

Max von Baden wollte weder Papst werden, noch Reichsverweser sein. Im Übrigen hatte er Probleme mit der Uhrzeit:

„Ich glaubte, fünf Minuten vor zwölf zu kommen, und bin fünf Minuten nach zwölf gerufen worden.“

Max von Baden kam zur Unzeit. Als Totengräber. „Der schwule Totengräber des deutschen Kaiserreichs“. So die Bordkapelle.

Eine dramatische Fehlbesetzung. Max von Baden. Der letzte Reichskanzler des Deutschen Kaiserreichs und der letzte Thronfolger des Großherzogtums Baden.

Er hatte Georg Friedrich Karl Freiherr von Hertling abgelöst, der das Amt des Reichskanzlers bis zum 30. September 1918 bekleidete. Georg Hertling gehörte der Zentrumspartei an und war gegen eine Parlamentarisierung des Reiches.

Am 28. September 1918 saß Georg von Härtling zwischen allen Stühlen. Zwei Tage zuvor hatten Abteilungsleiter im Generalstab den Staatssekretär im Außenministerium, Paul von Hintze, über die aussichtslose militärische Lage informiert. Paul von Hintze „erarbeitete ein Konzept zur Revolution von oben.“ Vorbei an OHL-Generalquartiermeister Erich Ludendorff und Reichskanzler Hertling. Georg von Hertlings Kanzlerschaft war besiegelt. Er hatte fertig.

Subjekt, Hilfsverb und Adjektiv. Hilfe!

Am 30. September erging ein Erlass des Kaisers zur Parlamentarisierung des Reichstages. Aus dem großen Hauptquartier in Spa. Nachfolger Hertlings wurde am 3. Oktober Prinz Max von Baden. Wunschkandidat Friedrich von Payers. Des Vizekanzlers. Payer war ein energischer Gegner der Innenpolitik Bismarcks gewesen.

Nach Übernahme des Vizekanzler-Postens am 9.11.1917 wurde er von der OHL entschieden bekämpft. Der 9.11.? Payer war bis zum 9. Juli Fraktionsvorsitzender der DDP und stimmte, anders als die Mehrheit seiner Partei, der Unterzeichnung des Versailler Vertrages zu.

Wunschkandidat Max von Baden. Und Friedrich von Payer. Friedrich von Zahler. Der Name Programm. Nomen est omen. „Der Perser“. Von Plautus. Wir kennen das bereits. Die Schöpfer von Asterix machten regen Gebrauch von diesem Prinzip. Claudius Incorruptus, der Unbestechliche. Und Tullius Destructivus, der Zerstörerische. Zum Beispiel.

Friedrich von Payer und Max von Baden. Eine politische Weichenstellung, für die das deutsche Volk zahlen durfte.

Und der 9. November? Der Tag an dem Friedrich von Payer Vizekanzler wurde? Ein ereignisreicher Tag der deutschen Geschichte. Ein Tag gravierender Wendepunkte. Und Friedrich von Payer trug seinen Teil dazu bei, dass Georg von Hertling sich nicht wenden konnte und wollte und schließlich zwischen den Stühlen saß. Und dass das deutsche Volk das Nachkriegsgeschehen mit Blick von unten betrachten durfte. Im Nachherbst 1918.

Zwischen den Stühlen lief Alfred Bunzuweit umher, nachdem er mit dem Aufzug nach oben gefahren war. Ein Blick von oben. Vom Kehlsteinhaus.

„Der Fahrstuhl war ein messingglänzendes, spiegelndes Prunkstück von ungewöhnlicher Dimension: Ein Zimmer, das sich vertikal bewegte. […] Fahrstuhl fahren wie der Führer. Mehr als die Hälfte der Besucher waren aus dem Osten. […] Alfred Bunzuweit glaubte, dass denen Hitler der populärste Deutsche nach Helmut Kohl war. […] Das war der Ort an dem man sich – nicht mehr heimlich – einig sein durfte: Der Führer war ein großer Mann. Der Sommer 90 war ein Rekordjahr für das Kehlsteinhaus.

Oben angelangt, lief Alfred Bunzuweit zwischen Stühlen, Tischen und Sesseln umher, ging in verschiedene Zimmer, und es war unmöglich, nicht daran zu denken: Auf diesem Stühlchen hat Hitler gesessen, von diesem Tellerchen gegessen, aus diesem Becherchen getrunken und in diesem Bettchen geschlafen.“

Schneewittchen. Ein Märchen. Fahrstuhl fahren wie der Führer.

Ein Märchen auch „Der gestiefelte Kater“. Ein Kindermärchen in drei Akten. Von Ludwig Tieck. Für Erwachsene. Mit Zwischenspielen. Uraufgeführt 1844. An Führers Geburtstag.

Illusionstheater par excellence, in dem nicht Hintze, sondern der sprechende Kater Hinze die Hauptrolle spielt. Kater Hinze. Ohne t vor dem z. Nicht zu verwechseln mit Rolf Hinze, der – aktiver Kriegsteilnehmer – das Schicksal der Heeresgruppen Nordukraine, Südukraine und Süd-/Ostmark 1944/45 in seinem Buch „Mit dem Mut der Verzweiflung“ schildert. Ebenfalls ohne t vor dem z.

Ohne Mut und verzweifelt dürfte auch Max von Baden gewesen sein, als er sich im Illusionstheater Politik zum „Totengräber“ des Reiches machen ließ. Reichskanzler vom 3. Oktober 1918 bis zum 9. November:

„Hierfür schien – mit Ausnahme des Kaisers – fast allen politischen Entscheidungsträgern der badische Thronfolger der rechte Mann. Er hatte sich nicht im politischen Tagesgeschäft verschlissen, er kam als liberal, modern und konziliant rüber. Er besaß die Unterstützung der Sozialdemokraten.

Wer, wenn nicht er, war imstande, die Parlamentarisierung des Reiches nach außen wie nach innen glaubhaft zu vertreten? Und wer, wenn nicht er, der Reichsfürst aus einem der angesehensten Häuser der Monarchie, würde nach hoffentlich für Deutschland erträglichen Friedensverhandlungen, geschickt, wie er war, den Status quo ante wiederherstellen?“

Fragt die Bordkapelle. Unverschlissen, liberal, modern und konziliant. Und erpressbar.

Der Grund, den der Kaiser gehabt hätte, der Einsetzung Max von Badens zu widersprechen, hätte für mächtig Skandal gesorgt. Über Max von Baden gab es eine Polizeiakte. Der Prinz war homosexuell. Paragraph 175.

„Der § 175 des deutschen Strafgesetzbuches (§ 175 StGB) existierte vom 1. Januar 1872 (Inkrafttreten des Reichsstrafgesetzbuches) bis zum 11. Juni 1994. Er stellte sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe. Bis 1969 bestrafte er auch die „widernatürliche Unzucht mit Tieren“ (ab 1935 nach § 175b ausgelagert). Insgesamt wurden etwa 140.000 Männer nach den verschiedenen Fassungen des § 175 verurteilt.“

Tierliebe. Zoophilie oder auch Sodomie. Heute kein Straftatbestand mehr, sondern nur noch eine Ordnungswidrigkeit. So wie Falschparken.

Seit dem 13. Juli 2013 …:

„… ist es laut Paragraph 3 Satz 1 Nummer 13 untersagt, ein Tier ‚für eigene sexuelle Handlungen zu nutzen oder für sexuelle Handlungen Dritter abzurichten oder zur Verfügung zu stellen und dadurch zu artwidrigem Verhalten zu zwingen‘. Der Besitz von Pornografie, die sexuelle Handlungen zwischen Tieren und Menschen zeigen, ist nicht verboten.“

Und Tierliebe ordnungswidrig. Und Bilder nicht verboten.

Homosexualität. 1918 ein schlimmer Vorwurf. Und eigentlich undenkbar, dass ein Homosexueller zur damaligen Zeit in einer solch verantwortungsvollen Position wie der des Reichskanzlers sein konnte. Weil erpressbar.

Im Gegensatz zu Harry Graf Kessler oder Thomas Mann lebte Max von Baden sein Begehren aus, …:

„… in der Jugend mit älteren adeligen Vettern, später mit bürgerlichen Gleichaltrigen.“

Gleichzeitig stand mit dem Schicksal Oscar Wildes die Warnung an der Wand. Oscar Wilde war wegen …:

„… homosexueller ‚Unzucht‘ (gross indecency) […] zu zwei Jahren Zuchthaus mit harter Zwangsarbeit verurteilt [worden]; sie ruinierten seine Gesundheit. Nach seiner Entlassung lebte er verarmt in Paris, wo er im Alter von 46 Jahren starb.“

Die Bordkapelle mutmaßt, die Kaiserin habe auf dem Gipfel der Novemberkrise in einem Telefongespräch gedroht, entsprechende Informationen über Max von Badens Intimleben öffentlich zu machen. War es wirklich die Kaiserin oder kam die Drohung von ganz anderer Seite? Einer Seite, die ein Interesse an einer Schnellverwesung des Reiches hatte?

Auf jeden Fall hing die Polizeiakte wie das berühmte Schwert des Damokles über dem Prinzen:

„Ob Damokles tatsächlich gelebt hat, ist nicht gesichert.“

Angeblich war er ziemlich unzufrieden mit seinem Leben am Hof des Dionysios. Der lud Damokles einmal …:

„… zu einem Festmahl ein und bot ihm an, an der königlichen Tafel sitzen zu dürfen. Zuvor ließ er jedoch über Damokles’ Platz ein großes Schwert aufhängen, das lediglich von einem Rosshaar gehalten wurde.“

Gut. Aber was steht eigentlich in einer Polizeiakte? Zum Beispiel:

„Der Täter entwendete im Schlachthof größere Mengen Stierhoden, mit der Absicht, diese für sich zu nutzen.“

Oder:

„Nach Erscheinen des Polizeiwachtmeisters K. wurde Franz B. von diesem aufgefordert, sein anstößiges Benehmen zu unterlassen, was er mit den Worten ablehnte, er solle ihn am Arsch lecken. Als das dann passierte, wurde Franz B. festgenommen. Zeugen liegen bei.“

Oder:

„Der Direktor wird weiterhin beschuldigt, die Sekretärin Ulrike D. so unvorsichtig behandelt zu haben, dass sie in andere Umstände kam.“

Andere Umstände ergaben sich auch für Damokles, als er das Schwert über seinem Haupt erblickte. Er entsagte dem Mal und bat darum, …:

„… auf die Annehmlichkeiten verzichten zu dürfen.“

Max von Baden bekam dagegen am 1. November einen Nervenzusammenbruch. Es folgte ein ärztlich induzierter 36-stündiger Tiefschlaf. Durch seinen Leibarzt. Mittels Opium. Inzwischen …:

„… meuterten schon die Matrosen in Kiel, die Novemberrevolution nahm ihren Anfang.“

Der Leibarzt. Doktor Axel Munthe – Der Arzt, dem die Frauen vertrauen. Und Axel Munthe gab auch Nachhilfe. Sehr persönliche Nachhilfe. So sorgte er wohl auch für die beiden Kinder Marie-Luise von Cumberlands.

Auch wegen seiner Ehe mit Frau Marie-Luise von Hannover Cumberland war Max von Baden eine unglückliche Wahl. Gut allerdings für die, die dem Reich den Garaus machen und es möglichst schnell verwesen lassen wollten, da die Cumberlands alles andere als deutschenfreundlich waren:

„Maria-Luise war die älteste Tochter von Kronprinz Ernst August von Hannover und Cumberland (1845–1923) und seiner Gemahlin Prinzessin Thyra von Dänemark (1853–1933), jüngste Tochter von König Christian IX. und dessen Ehefrau Louise von Hessen-Kassel.“

Und Dänemark hatte vom 1. Februar bis zum 30. Oktober 1864 mit Österreich und Preußen Krieg geführt um die Herzogtümer Schleswig und Holstein. Der erste der Deutschen Einigungskriege. Beziehungsweise der „Zweite Schleswigsche Krieg“.

Schleswig wurde Preußen zugeschlagen, Holstein Österreich. Die Konvention von Gastein. Ungünstig für Österreich, da der wichtige Kriegshafen in Kiel an Preußen ging.

Der Bundestag hatte 1864 eine Bundesexekution angeordnet und Preußen und Österreich den Auftrag erteilt, diese durchzuführen. Grund waren Gebietsansprüche Dänemarks auf deutsches Gebiet gewesen, welches durch Änderung der dänischen Verfassung plötzlich zu Dänemark zählte.

1866 führte dann Österreich eine Bundesexekution gegen Preußen durch, „nicht dem Namen, aber der Sache nach“. Der zweite Einigungskrieg. Der Siebenwöchige Krieg. In Preußen sah man das anders.

Durch den widerrechtlichen Bundesbeschluss vom 14. Juni sei der Bund aufgelöst gewesen. Und damit sei die Auseinandersetzung ein internationaler Konflikt gewesen. Nach völkerrechtlichen Maßstäben. Dem Österreichischen Bundesheer gehörten Verbände aus Sachsen, Bayern und Hannover an. Wobei Bayern mit allen Mitteln darum bemüht war, sich aus dem anbahnenden Konflikt herauszuhalten. Der Einmarsch preußischer Truppen in Holstein hatte das österreichische Ambiguitätstoleranz-Fass zum Überlaufen gebracht.

König Georg V. von Hannover Cumberland wollte unbedingt an diesem Krieg teilnehmen. Gegen den Rat seiner Minister. Was Georg V. zum letzten König von Hannover machte. Georg V. war Freimaurer und Großmeister der Großloge von Hannover bis zu deren Auflösung 1866. 1855 hatte er der Demokratie die Flügel gestutzt und die liberale Verfassung, die sein Vater im Zuge der Revolution hatte erlassen müssen, wieder aufgehoben.

Es kam zu keiner Bundesexekution, weil Georg V. nicht nur König von Hannover, sondern auch noch Herzog von Cumberland und Prinz von England und Irland war. Cumberland, eine der 39 traditionellen Grafschaften in England. Eine Bundesexekution hätte womöglich einen Krieg mit England heraufbeschworen.

Die Geschichte von 1866 ist bekannt. Österreich verlor den Krieg. Die Preußen hatten das bessere Gewehr. Das Zündnadelgewehr. Entwickelt von Johann Nikolaus von Dreyse aus Sömmerda. Der erste in Massen produzierte Hinterlader.

Hinterlader. Was sagt Helmut Karasek?

„Ein Nikotinsüchtiger, ein Alkoholiker und ein Homosexueller werden aus einer Entzugsklinik entlassen. Der Arzt sagt zu den Dreien eindringlich: ‚Ihr seid geheilt und könnt ein normales Leben führen. Ich warne euch aber vor jedem Rückfall. Wer auch nur einmal rückfällig wird, fällt sofort tot zu Boden.‘

Die drei verlassen die Klinik, wandern zusammen durch das Tor, da steht eine Bierhalle. Der Ex-Trinker sagt: ‚Einen Augenblick!‘ und denkt, ein kleines Bierchen kann doch nicht schaden, zischt ein Bier und fällt sofort tot um. Die anderen schweigen und gehen betreten weiter. Da auf einmal liegt auf dem Trottoir eine glimmende Zigarette.

Darauf sagt der Ex-Schwule zum Ex-Raucher: ‚Du, wenn Du Dich jetzt bückst, sind wir beide tot!“

Der Hinterlader. Das Zündnadelgewehr. Mit Österreich zieht auch Hannover den Kürzeren. Und wird vollständig von Preußen annektiert. Und das Vermögen beschlagnahmt. Der Welfenfonds. Eine schwarze Kasse. Mit 16 Millionen Vereinstalern. Auch Reptilienfonds genannt. Gelder zur politischen Einflussnahme. Dispositionsfonds. Oder kurz: Schmiergeldfonds.

Mittel, die Bismarck unter anderem auch „zur Bekämpfung welfischer Umtriebe“ verwenden ließ. Die Witwe Georgs V. und ihre Töchter erhielten ab 1879 aus dem Fonds eine jährliche Rente von 240.000 Mark. Und Ludwig II. von Bayern erhielt eine regelmäßige jährliche Zuwendung von 300.000 Mark. Als Gegenleistung für den Kaiserbrief. Und unter strengster Geheimhaltung.

Eine ursprünglich vorgesehene Entschädigung des Hauses Hannover verwarf Bismarck, weil Georg V. von Paris aus gegen Preußen agitierte und die so genannte Welfenlegion aufstellte, um in einem möglichen Krieg auf französischer Seite gegen Preußen zu kämpfen:

„Erst Kaiser Wilhelm II. bestimmte 1892, dass die Zinsen aus dem Welfenfonds künftig an das Oberhaupt des Hauses Hannover gezahlt werden sollten. Endgültig beendet wurde der Streit um den Welfenfonds als frühe Fürstenenteignung aber erst – nach einem fast 10 Jahre währenden Rechtsstreit – im Jahre 1933. Das Reichsgericht sprach dem ehemaligen regierenden Herzog von Braunschweig-Lüneburg Ernst August 8 Millionen Reichsmark, das Hausgut Calenberg bei Schloss Marienburg nahe Hannover und zwei weitere landwirtschaftliche Betriebe bei Salzgitter als Entschädigung zu.“

Die Ehefrau Max von Badens, Tochter einer dänischen Prinzessin und eines Königs aus dem Hause Hannover Cumberland, dürfte also nicht sehr gut auf das Reich zu sprechen gewesen sein. Nimmt man noch die Polizeiakte Max von Badens dazu, so ergibt sich eine Gemengelage, die den 5-Wochen-Reichskanzler als Bestbesetzung aussehen lässt. Für ein schnelles Reichsende. Eine überaus intrigante Geschichte. In der Max von Baden vordergründig die Hauptrolle spielte. Körperlich.

Und geistig? War er erst am 3. November wieder anwesend, um sofort die spanische Grippe zu bekommen. So Manfred Vasold. Die Spanische Grippe? Eine Katastrophe, die innerhalb von nur einem Tag, aus einem kräftigen Menschen eine Leiche machen konnte. Die „schrecklichste Krankheit“, die die Welt je gesehen habe. Sagt Eleanora McBean.

Wie auch immer. Am 8.11. meldete sich Max von Baden zurück. Kurzfristig genesen. Den Matrosenaufstand in Kiel hatte er wegen des grippalen Infekts knapp verpasst. Das Zünden des Funkens am 30. Oktober in Wilhelmshafen dürfte er noch mitbekommen haben. Wenngleich die Admiralität zu diesem Zeitpunkt noch glaubte, die Lage unter Kontrolle zu haben. Nach Erteilung des Schießbefehls auf die „Thüringen“ durch Admiral Hipper hatten sich die Meuterer ergeben:

„Ein Glück, die Folgen wären nicht auszudenken gewesen.“

Der Admiral glaubte, mit seinem konsequenten Durchgreifen die Revolution verhindert zu haben. Wenig später waren die Folgen kaum auszudenken.

Am 9. November 1918 überschlugen sich die Ereignisse. Max von Baden verkündete die Abdankung Kaiser Wilhelm II.:

„Der Kaiser und König hat sich entschlossen, dem Throne zu entsagen. Der Reichskanzler bleibt noch so lange im Amte, bis die mit der Abdankung des Kaisers, dem Thronverzicht des Kronprinzen des Deutschen Reiches und von Preußen und der Einsetzung der Regentschaft verbundenen Fragen geregelt sind.“

Max von Baden hatte gesprochen. Und Damokles souffliert. Eine Selbstermächtigung. Ohne jegliche Legitimation, …:

„… jedoch spielte es im Zuge der Vorgänge des 9. November 1918 keine Rolle mehr, ob der Übergang der Macht legal war oder nicht – das alte System war verschwunden, und die Übernahme der Macht durch Ebert entsprach der politischen Realität, welche durch das Ebert-Groener-Bündnis am 10. November 1918 bestätigt wurde.“

Eine steile These. Von Henning Steinhöfel. Nicht legal. Aber egal. Wilhelm II. hatte nicht abgedankt. Und das alte System war verschwunden. Ohne sich zu bedanken.

Auf den Balkon verschwunden war am 9. November Philipp Scheidemann, um seinem Wunsch nach einer Republik Ausdruck zu verleihen. Zwischen Mittagessen und Nachtisch. Zu Tisch war er bereits Staatssekretär a.D.

Eine schöne Geschichte. Die Balkonrede. Scheidemann sprach. Und? Es wurde Republik.

So die Geschichte über den Balkonauftritt, der Geschichte schrieb. Philipp Scheidemann hatte gegessen und das Volk gesiegt. Auf der ganzen Linie. Noch vor dem Nachtisch:

„Der Kaiser hat abgedankt. Er und seine Freunde sind verschwunden. Über sie alle hat das deutsche Volk auf der ganzen Linie gesiegt. Prinz Max von Baden hat sein Reichskanzleramt dem Abgeordneten Ebert übergeben. Das Alte und Morsche, die Monarchie, ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue! Es lebe die deutsche Republik!“

Wunderbar. Philipp Scheidemann hatte gesprochen. Ohne jegliche Legitimation. Eine Selbstermächtigung. „Das Kaiserreich – hinweggefegt. Deutschland war demokratisch geworden.“ Noch vor dem Nachtisch. Jubelt Lothar Machtan. Für die Bordkapelle. Demokratie. Macht an. Nicht legal, aber das alte System war verschwunden.

Und der Name? Programm. Philipp Scheidemann. Das Reich. Vom Kaiser geschieden. War verschieden. Nach dem Mittagessen.

Mittagessen? Was sagt der Führer beim Mittagessen?

„Den Rhein sah ich zum ersten Male, als ich 1914 mit der Truppe nach dem Westen ausrückte. Es wird mir ewig unvergeßlich sein, welche Gefühle mich bedrängten, als ich zum ersten Male diesen Schicksalsstrom erblickte. Ebenso großen Eindruck hat damals auf mich die Aufgeschlossenheit und die Herzlichkeit der dort lebenden Menschen gemacht, die uns überall einen völlig unerwarteten Empfang bereiteten. Wir wurden in geradezu rührender Weise mit allem versorgt.

Abends, als wir nach Aachen kamen, sagte ich mir, daß ich diesen Tag in meinem Leben niemals vergessen werde. Und tatsächlich hat mich diese Erinnerung auch immer so lebhaft begleitet, wenn ich später wieder an den Rhein zurückkam.“

„Warum ist es am Rhein so schön? Weil die Mädel so lustig und die Burschen so durstig, darum ist es am Rhein so schön!“

Sagen Adolf von Bergsattel und Franz Suppan.

Der Rhein. Der Mythos. Vielbesungen, vielverkitscht. Ein …:

„… 1320 Kilometer langes Stück Wasser, das sich sechs Länder teilen. Die Schweiz, Liechtenstein, Österreich, die Bundesrepublik, Frankreich und die Niederlande. Der größte Teil des Rheins ist deutsch, 560 Kilometer fließt er durch die Bundesrepublik und noch einmal 350 Kilometer an ihr entlang. […] Und er selbst? Zu behaupten, er habe eigentlich keine Farbe, wäre übertrieben, aber auf den ersten Blick ist er nur trübe und dunkel. Wenn die Sonne scheint, ist sein Dunkel grünlich, wenn sie hinter einer Wolke verschwindet, bräunlich.“

Der braune Rhein. Ein Fall für die Amadeu Antonio Stiftung. Gefördert von der Bundesregierung:

„Im Jahr 2018 wurden demgemäß Veranstaltungen wie ‚Ich bin mehr als nur mein Kopftuch‘, ‚Die Untergangster des Abendlandes. Antifeministische Ideologie und Rezeption der rechtsextremen Identitären‘ oder auch die Ausstellung ‚Ausstellung WIR*HIER! Lesbisch, schwul und trans* zwischen Hiddensee und Ludwigslust‘ durch Steuermittel finanziert. Allein für die Reihe ‚Willkommenskultur gestalten – Entwicklung eines Fortbildungscurriculums‘ mit sieben Veranstaltungen gab die Bundesregierung in den Jahren 2015 und 2016 86.935 Euro aus.“

Wunderbar. Wir sind mehr. Meer geht nicht. Semantisch. Und ich bin mehr als mein Kopftuch.

Die Amadeu Antonio Stiftung. Gefördert und autorisiert von der Bundesregierung. Im Kampf gegen braune Umtriebe und im Kampf für trans* und inter*.

Nicht autorisiert war Philipp Scheidemanns Balkon-Verdauungsrede von Friedrich Ebert, der inzwischen von Max von Baden zum Reichskanzler erklärt worden war.

Nachdem man den Nachtisch einen Tag hatte sacken lassen, ging der Zirkus weiter. Die SPD traf sich im Circus Busch, um einen Rat der Volksbeauftragten wählen zu lassen:

„Die Legende lebt. […] Ein Großcircus, der die Tradition der Busch-Dynastie und die Moderne der heutigen Zeit verkörpert. Atemberaubende Akrobatik scheint die Schwerkraft der Zeit aufzuheben. […] Die Zuschauer können sich auf eine phantastische Show freuen.“

Atemberaubend.

Eine phantastische Zirkusnummer. Kaiser Wilhelm II. freute sich so, dass er ins Exil ging. Am 9. November 1918 fuhr er im kaiserlichen Zug zur niederländischen Grenze, die er am 10. November 1918 bei Eijsden überschritt.

So weit, so intrigant. Der Rest ist bekannt. Am 11. November wurde in einem Eisenbahnwagen auf einer Waldlichtung bei Compiègne zwischen dem Deutschen Reich und den beiden Westmächten Frankreich und Großbritannien der erste Waffenstillstand geschlossen. Woodrow Wilsons 14-Punkte-Programm. Und das Karotten-Prinzip. Auch Esel-Möhre-Prinzip.

Prinzipien. Was sagt der Führer?

„Wenn die Kirche den Menschen ein Jenseits lockend vors Auge stellt, um ihnen das Sterben zu erleichtern, so stellen wir es darauf ab, daß einer sich das Leben lebenswert gestaltet. Dazu bedarf er der Anpassung an die Naturgesetze, und wenn wir nur diese unsere Prinzipien vertreten, so werden auf die Länge der Zeit wir stärker sein als die Kirche.“

Und das Grundprinzip der Alliierten? Jedes Mittel ist recht, die Deutschen zu „zerschlagen“, zu „zermalmen“ und zu „kastrieren“. Männer mit Prinzipien: Franklin Delano Roosevelt und Winston Churchill.

Die Kirche wiederum hat ganz andere Grundprinzipien:

„Katholiken zum Beispiel dürfen eine Negerin heiraten, wenn sie Katholikin ist, aber keine Deutsche, die Protestantin ist. Monatelang redet der Pfaffe, wenn eine Katholikin einen Protestanten heiraten will.“

Sagt der Führer. Am 6.09.1942 beim Mittagessen.

Und das Prinzip der Geschichte? Lauter Zufälle.

Zeit für den Nachtisch. Es ist Reich gedeckt.

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