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Maybrit Illner-Sendung “Kruzitürken”

von PI

Die Maybrit Illner-Sendung gestern Abend hat unter den PI-Lesern zu lebhaften Diskussionen geführt. Broder wurde mehrheitlich für seine Statements gelobt (NoDhimmi: “Am besten war die Aussage von Broder, dass es nirgendwo sonst ein Land auf der Welt gibt, wo die Eingewanderten die Aufnahmegesellschaft verachten, ja sogar hassen”), am schlechtesten kam Wowereit weg. Wer die Talkrunde gestern verpasst hat, kann sie sich in der ZDF-Mediathek noch einmal anschauen.

PI-Leserin Paula schreibt zur Sendung:

“Kruzitürken! Sind wir offen für muslimische Minister?” – hieß die Sendung, wobei ziemlich schnell klar wurde, dass es hier nicht primär um die neue niedersächsische Sozialministerin Özkan ging, sondern um die gescheiterte Integration von Moslems insgesamt: vom Thema Ehrenmord über Zwangsheirat bis hin zur Einflussnahme Erdogans auf türkischstämmige Einwanderer in Deutschland.

Zunächst erstmal klapperten Broder und Ates ein bisschen mit dem Besteck aus dem dramaturgischen Schatzkästlein und verkündeten, wie sehr sie die Ernennung einer muslimischen Ministerin begrüßten, während ausgerechnet Klaus Wowereit die wesentliche Frage stellte, was denn Frau Özkan außer ihrer Religion denn sonst noch für das Amt qualifiziere. Man war auf einen echten Rollentausch der “Islamophoben” und “Islamophilen” gespannt, doch man konnte bald aufatmen: die Erwartungen an die Protagonisten wurden summa summarum nicht erschüttert.

Bemerkenswert war zunächst, dass auch hier der Eindruck erweckt wurde, Özkan habe sich für eine religiöse Neutralität an den Schulen ausgesprochen. Denn weder hat sie sich gegen das Kopftuch bei Schülerinnen ausgesprochen noch für islamische Gebetsräume an Schulen. Offenbar hatte man sich darauf verständigt, die Frau nicht noch weiter durch die Mangel zu drehen. Enttäuscht war Wowereit lediglich darüber, dass sie sich dem Druck der CDU gebeugt hätte und ihre Aussagen, die Kruzifixe an deutschen Schulen (soweit überhaupt vorhanden) so schnell wiederrufen hätte. Solche Toleranz gegenüber Abweichlern in der eigenen Partei hätte man sich von Wowereit auch gerne im Zusammenhang mit Sarrazin, den vier Abweichlern in Hessen oder auch Buschkowsky gewünscht, der seine Eindrücke über Integrationsmaßnahmen in Rotterdam nicht mal im Senat vortragen durfte – auf Betreiben seiner eigenen Partei, der SPD, hin. Hinweise auf parteikonformes Verhalten gab auf Umwegen Seyran Ates für ihn, die offen darüber plauderte, dass ihr eine Karriere in der SPD verwehrt worden war, weil sie zu “widerspenstig” sei.

Für solche Details ist aber aus Zeitgründen in einer solchen Sendung kein Platz, und im angezogenen Tempo läuft sich auch Herr Broder langsam warm und verkündet, dass es sowieso keine Neutralität des Staates gebe, denn sonst gäbe es weder Weihnachten noch Ostern und auch keine Sonntage und jeder könnte feiern, wann es ihm gerade passt. Das Christentum unterscheide sich hierzulande vom Islam eben unter anderem dadurch, dass die gesamte Kultur, Tradition, das Brauchtum und auch Gewohnheiten dadurch geprägt seien. Da offenbar niemand im Saal ernsthaft vorhatte, in Zukunft auf Weihnachtsfeiertage zu verzichten und in Zukunft an Sonntagen arbeiten zu gehen, gab es dafür ordentlich Applaus, und auch Atheisten konnten mutmaßlich hier zustimmen.

Schwuppsdiwupps ging’s weiter zu der verkauften Braut von Berlin, die als Paradebeispiel für missratene Integration aus dem Hut gezaubert wurde, dabei gibt es – wie fast alle einmütig befanden – weitaus schlimmere Beispiele, z. B. brutale Zwangsheiraten, aber die freiwillig in die Arme eines windigen Hallodris geflüchtete und dann von ihren Eltern verkaufte “Jasmin” sorgt natürlich für bedeutend mehr Amusement als eine anonyme Importbraut aus Anatolien, die in einem Berliner Hinterhaus noch nie die Sonne gesehen hat. Das sah auch Klaus Wowereit so, der sich publikumswirksam über Zwangsheiraten und Menschenrechtsverletzungen weltweit echauffierte, ohne freilich zu erwähnen, was er und sein Integrationsbeauftragter bisher je an veritablen Maßnahmen ergriffen haben, um diesem Unwesen zumindest in seiner Stadt etwas entgegenzusetzen. Nämlich nichts.

Hier hatte dann auch der Vertreter des Islamrats Kizilkaya seinen Auftritt des Abends, indem er flugs behauptete, der Fall der Jasmin habe „nichts mit dem Islam zu tun“ – man hatte schon auf diesen Satz gewartet – und, yep, er kam, jedoch nicht ohne den Widerspruch von Seyran Ates herauszufordern, denn, so Ates: Jasmin und ihr später ums Brautgeld „betrogene“ Gatte hätten nie heiraten müssen, würde der Islam nicht bis „in die Betten der Menschen hineinreden“. Die beiden hätten doch bloß Sex haben wollen, und das ginge in solchen Gesellschaften eben nur verheiratet. Hätten die beiden einfach befreundet sein können, wäre ihnen der ganze Brautkauf mit Inanspruchnahme eines vermeintlichen, jedoch von der Bundesregierung noch nicht im Detail geregelten Rückgaberechts, erspart geblieben.

Die Tatsache, dass der um sein Eigentum betrogene Ehemann nun Hilfe beim deutschen Staat sucht, scheint für Broder typisch zu sein für eine Parallelgesellschaft in Schieflage: man wurschtele schön abgeschottet in seinem Brauchtum aus der Heimat, aber wenn dann was schiefgehe, dann solle der deutsche Staat es regeln. An Kizilkaya stellt er die Frage, wieso eigentlich nicht muslimische Gemeinschaften auch mal Engagement zeigen, wenn es um gesellschaftliche Bruchlandungen geht, also die Einrichtung von Frauenhäusern oder von Bildungseinrichtungen, und wieso für solche Dinge eigentlich immer der Staat zuständig sei oder wohltätige Organisationen. Herr Kizilkaya findet das ungerecht, denn seiner Ansicht nach sind religiöse Gemeinschaften nicht für Bildung zuständig. Außer vermutlich für Koranschulen, aber thematisch wurde schnell umgewunken.

Herr Wowereit tat nun das, was er am liebsten tut, nämlich Probleme ordentlich zu relativieren, so dass der Eindruck beim Publikum entsteht, man könne sowieso nichts dagegen machen, weil die Probleme einfach zu ominipräsent sind: So startete Wowereit eine ausführliche Litanei über homophobe Erzkatholiken und orthodoxe Juden und dass es ja auch schon Fälle von Exorzismus im Namen des Christentums gegeben haben, und, ja , überall in der Welt gebe es eben intolerante Menschen, nicht nur im Islam, sondern in jeder Religion und…bevor dem Publikum übermüdet die Köpfe aufs Revers hinunterkippten erinnerte Herr Broder daran, dass man die Fälle von Ehrenmord in christlichen und jüdischen Familien schon sehr, sehr lange suchen müsste, dass es keine christlichen oder jüdischen Fatwas gebe, dass man für freie Meinungsäußerung nicht sein Leben riskiert und schon gar nicht, dass man das Land, in das man ausgewandert ist verachtet – nicht ohne zuvor Wowereits Vortrag über das Elend der Welt als „wunderbare Rede für den nächsten Bezirksparteitag“ zu erdolchen.

Als besonderen Gimmick für die Sendung hatte man sich den Auftritt von Alparslan Marx ausgedacht, der als Comedian, Unternehmer und Karnevalist angekündigt wurde und dessen komödiantischer Auftritt eine Mischung aus Anklage und Forderungskatalog an die Mehrheitsgesellschaft war. In dem Moment hätte man gerne in den Kopf von Seyran Ates hineingeblickt, die das Spektakel, bei dem keiner lachte, mit einem Ausdruck von Skepsis, Irritation, Warmherzigkeit und Nachsicht zu beobachten schien. Nach allgemeinem betretenen Räuspern durfte auch Alparslan Marx in der Runde Platz nehmen und erklären, dass Integration für ihn so aussieht, dass sich beide Gruppen in der Mitte treffen. Vereinigung nennt er das. Dobrindt, der offensichtlich ansonsten den ganzen Abend über darüber bemüht war, auf keinen Fall etwas zu sagen, weswegen er sich am nächsten Tag bei seinen Parteikollegen hätte entschuldigen müssen, lehnte ein Bewegen der Mehrheitsgesellschaft in irgendeine ominöse Mitte strikt ab, und auch der Rest schien nicht begeistert. Marx, der den Nachnamen seiner Frau angenommen hat, um am Telefon nicht gleich als Immigrant erkannt zu werden (wobei dies eine vergebliche Maßnahme gewesen sein dürfte, solange er mit Akzent spricht), schlägt als eine der nötigen Maßnahmen einen gemeinsamen Feiertag vor. Offen bleibt allerdings, was Marx an Disziplinierungsmaßnahmen für die störrischen üblichen Verdächtigungen parat hat, die schon jetzt nichts mit denen der jeweils anderen zu tun haben wollen und partout nicht miteinander feiern wollen.

Bevor Illner die TV-Gemeinde mit neu gewonnenen Erkenntnissen und wie immer heiter in die Woche verabschiedet, nutzt Broder die Gunst der Stunde für den eigentlichen Knackpunkt der vermasselten Integration: Die Konfessionalisierung des öffentlichen Raums durch Muslime (also Rücksichtnahme auf allerhand Befindlichkeiten, Beleidigungsoptionen, Stichwort: Mohammed-Karikaturen) und die staatliche Überversorgung durch Kiezmanager, Integrationsexperten usw. und die damit verbundene Entmündigung und Ent-Verantwortlichung der Migranten.

Manchmal muss man eben eine Stunde vor einem dampfenden Etwas sitzen, bis es sich auf die Essenz herunterkocht.

Video der Sendung auf Youtube (mit Dank an Antivirus):

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