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Staat pompös: Kanzleramtserweiterung noch protziger als Neue Reichskanzlei

von Max Erdinger

Das Kanzleramt in Berlin wird gelegentlich als „Waschmaschine“ verspottet. Das hat nichts damit zu tun, daß eine Frau ihren Dienstsitz dort hat, sondern damit, daß das Gebäude ein bißchen aussieht, als ob es eine große Waschmaschine sei. Nun soll das Kanzleramt noch viel größer werden. Ungefähr so groß wie die Neue Reichskanzlei des Architekten Albert Speer. Hunderte neuer Büros kommen hinzu, darunter auch eine Kantine, eine Kindertagesstätte und neue Konferenzräume.

Im Bundeskanzleramt ist es zu eng geworden. Merkels Politik hat neue Arbeitsfelder geschaffen. Migration und Terrorbekämpfung sind zwei davon. Die Cyberkriminalität als drittes kam mit Merkel nur insofern, als daß das NetzDG einer ihrer Minister verbrochen hat. Frau Kanzler hatte damit nichts zu tun, weil das Internet bekanntlich Neuland für sie ist. Oder genauer: Neuland für uns alle. Gemeinsam, auch.

Jedenfalls hat sich wegen der Merkelschen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen die Zahl der Beschäftigten im Frau Kanzler-Amt von 410 auf rund 750 fast verdoppelt. Das ist ein großartiger Sieg von Frau Merkel im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit. Die geniale Idee mußte sie erst einmal haben, die einen mit der Arbeit zu versorgen, derentwegen die anderen auch noch etwas zu tun bekommen. Beengt geht es jetzt aber im Kanzleramt zu für alle die fleißigen Migrationsbürokraten und die nicht minder emsigen Terrorbekämpfer. Ein Neubau soll bis 2028 Platz schaffen für die Leute, wie Kanzleramtsminister Helge Braun ankündigte.

Das ist gut, weil bis dahin eventuell der Flughafen BER kurz vor der Eröffnung stehen könnte – und dann käme noch mehr Familiennachzug nach Berlin. Es sei denn, die Polen wären mit ihrem noch größeren Flughafen westlich von Warschau früher fertig, obwohl sie mit dem Bau noch gar nicht angefangen haben. In dem Fall käme der Nachzug in Warschau an und hätte Pech gehabt.

Den Auftrag für den Erweiterungsbau erhielten die Architekten Axel Schultes und Charlotte Frank, die auch schon die „Waschmaschine“ entworfen haben.

„Wie lange brauchen Sie?“, habe Hitler ihn gefragt, so der umstrittene Architekt in seinen Memoiren. „Anderthalb oder zwei Jahre wären mir schon zu viel.“, schreibt der „Spiegel.

Entschuldigung, falscher Artikel.

Auf dem gegenüber gelegenen westlichen Spreeufer, im Kanzlerpark,  soll ein bogenförmiges Großgebäude mit 400 Büros entstehen. Daß es seiner Bogenform wegen die Bananenrepublik symbolisieren soll, ist aber nicht mehr als ein böses Gerücht.

Auf sechs Geschossen soll die Migration bearbeitet und der Terror bekämpft werden, wenn es dereinst vielleicht fertig wird.  Dort sollen auch die Kantine, eine Kindertagesstätte und Konferenzräume ihren Platz finden.

Apropos Geschosse:

Die Fassade hin zur Voßstraße maß mehr als 400 Meter und ragte 22 Meter in den Himmel.„, schreibt der „Focus„.

Im Krieg hat sich die Fassade viele Geschosse eingefangen. Entschuldigung, schon wieder der falsche Artikel. Hier sind wir beim richtigen:

Die Regierungshubschrauber, die bisher im Park landen, sollen dann auf einer runden, auf dem Büroriegel angebrachten Plattform in 22 Metern Höhe niedergehen.„, heißt es bei n-tv.

Das ist natürlich nicht einmal die halbe Wahrheit. Es geht vielmehr ums Abheben. In bürgerkriegsähnlichen Situationen ist es sicherer, über das Dach vor dem revoluzzenden Pöbel zu fliehen, anstatt sich zwischen Eingangstür und Landeplatz im Park großer Gefahr auszusetzen.

Neu bei Kanzlers: Hubschrauber auf dem Dach – Foto: Imago/Mike Schmidt (Ausschnitt)

Die Idee mit dem Hubschrauber auf dem Dach wurde übrigens bereits nach dem Abzug der Amis aus Saigon zum Ende des Vietnamkriegs anno ´75 populär, ist also nicht ganz neu. Aus jenem Jahr gibt es ein berühmtes Pressefoto vom Dach der US-Botschaft, das Geschichte gemacht hat.

Geplant ist außerdem eine zweite Fußgängerbrücke über der Spree zum etwa 200 Meter entfernten Hauptgebäude, damit man Frau Kanzler und ihr Double räumlich besser trennen kann, was die Überlebenschancen des Originals im Falle arglistiger Feindseligkeiten zu Friedenszeiten erhöht.

Fensterlose Mauer zur Abschottung

Architektonisch spielt die Musik hier„, machte Architekt Schultes vor Journalisten im Kanzleramt klar. Ob er Wagners Ritt der Walküren meinte, ist nicht ganz klar. Das neue Bananenhaus sei eher als zweckmäßige Ergänzung konzipiert, so Schultes. Sollten die Pläne so akzeptiert werden, wird der Bürobogen durch eine fensterlose Mauer „nach außen abgeschottet“ sein, was sehr zweckmäßig sein dürfte, wie schon das Wort „abgeschottet“ nahelegt. Schwer bewacht werden wird die gemörtelte Banane trotzdem.

Mindestens 460 Millionen Euro soll die Festung kosten. Zum Vergleich: Die Neue Reichskanzlei war damals zunächst mit 28 Mio. Reichsmark veranschlagt worden, kostete dann aber das Dreifache, also knapp 90 Mio. Reichsmark, was inflationsbereinigt etwa 380 Millionen Euro entspricht. Ob´s wohl am 75-prozentigen Kaufkraftverlust des Euro seit seiner Einführung liegt, daß so eine moderne Kanzlerkanzlei so viel teurer ist, als eine neue Reichskanzlei? Mal den Kuckuck fragen. Der weiß es. Man sagt ja: „Weiß der Kuckuck“.

In die Planungen für den pompösen Ergänzungsbau wurden die Waschmaschinen-Architekten Schultes & Frank eng einbezogen. Das zuständige Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung fragte vorher einige Rechtsexperten, wie dessen Präsidentin Petra Wesseler zugab. Die Behörde hatte weise vorausgesehen, dass das Architektenpaar bei der Vergabe an ein anderes Büro eingeschnappt gewesen wäre und auf ihr Urheberrecht am Kanzleramt gepocht hätte. Das war zutreffend. „Wir hätten uns mit Händen und Füßen gewehrt“, bestätigte Schultes den Verdacht. Das aber war schon deswegen nicht überraschend, weil wir auch in Berlin strenge Waffengesetze haben. Schultes und Frank hätten sich ja nicht mal mehr mit einem Klappmesser wehren dürfen.

Zufrieden ist Architekt Schultes mit dem Regierungsquartier nicht. Das „Monstrum Hauptbahnhof“ verzwerge das Kanzleramt schon rein optisch, sagte er sinngemäß. Wegen der komplizierten Planungen und der Abstimmung mit den Sicherheitsbehörden soll der Erweiterungsbau erst 2023 beginnen und 2027 fertig sein. Damit hat er unfreiwillig schon einmal ausgeplaudert, ab wann die Terrorbekämpfung richtig Platz bekommen soll. Ob er bei der Eröffnung 2028 noch im Kanzleramt sein werde, konnte Kanzleramtsminister Braun nicht vorhersagen. Unergründlich seien die Wege der Politik.

Die neue Reichskanzlei wurde übrigens ab Januar 1938 gebaut und war 12 Monate später so weit fertig, daß dort am 7. 1. 1939 der jährliche Diplomatenempfang stattfinden konnte. (ME)