Sigmar Gabriel: Ex-Sozialdemokrat zeigt nun Verständnis für „Pack“

von PPQ

Über viele Jahre hinweg war er einer der Pfeiler der deutschen Postdemokratie, ein Opportunist reinsten Wassers, der sich nicht zu schade war, politisch Andersmeinende auszugrenzen oder sie als „Pack“ zu beschimpfen. Sigmar Gabriel scheiterte am Ende einer langen Karriere mit einem komplizierten Plan, der daraus abgezielt hatte, den in Sachen politischer Finesse simpel gestrickten Martin Schulz die Bundestagswahl verlieren zu lassen.

Und anschließend als Minister in einer neuen Koalition abzuwarten, ob sich das System Merkel eines Tages doch selbst zerlegt und das Volk dann endlich nach einem altbekannten Gesicht ruft, das wie einst Egon Krenz eine umfassende Erneuerung ausruft.

Der Sturz ins Nichts eines bloßen Bundestagsabgeordneten, von der eigenen Partei abgeparkt auf der Hinterbank, hat das Selbstbewusstsein des immer noch amtierenden Pop-Beauftragten der deutschen Sozialdemokratie erschüttert. Ja, mehr als das: Sigmar Gabriel sind jahrzehntelang vorgebetete Gewissheiten abhanden gekommen. Der politische Frührentner, von seinen Genossen brutal geschnitten, seit er Interna aus den Machtkämpfen in der SPD öffentlich machte, verwandelte sich in wenigen Wochen von einem Mann, der öffentlich glaubt „dass wir mit einer Größenordnung von einer halben Million für einige Jahre sicherlich klarkämen“, in einen Mann, der weiß, dass es das von ihm beschworene „Wir“ gar nicht gibt.

Auf einmal, ganz am Ende einer tragisch gescheiterten Karriere, die eigentlich bis ins Kanzleramt führen sollte, zeigt Sigmar Gabriel Verständnis für Positionen, deren Anhängern er als Amtsträger noch vorgeworfen hatte, sie brächten „unser Land in Verruf“. Das klingt nun anders, denn nun hat sich Gabriels Blickwinkel geändert. „Wenn wir“, sagt er über sich und seinen Stand der Politiker, „zum Arzt gehen, bekommen wir schnell Termine und Chefarztbehandlung selbst dann, wenn wir Kassenpatienten sind.“ Auch seien er und seinesgleichen weder „auf überfüllte öffentliche Verkehrsmittel angewiesen“ noch gehe der normale Amtsträger „nachts über unbewachte Plätze“. Auch sei klar: „Unsere Kinder gehen zumeist nicht in Kitas und Schulen mit mehr als 80 Prozent Migrantenanteil“.

Auf einmal spricht Gabriel, ein Meister der Wirklichkeitsverweigerung, von „Wirklichkeitsverweigerung“, auf einmal macht sich der frühere Vizekanzler Sorgen vor einem „Schließen der Augen vor unbequemen Realitäten aus Sorge, falsch verstanden zu werden“. Gabriel, zwei Jahrzehnte lang ein Ingenieur im Maschinenraum der Macht, gibt Verschwörungstheoretikern Zucker: Schlimm genug sei, beschreibt er, was Hetzer, Hasser und Zweifler seit Jahren als „Postdemokratie“ verleumden, „dass uns die Rechtspopulisten zwingen, über Teile der Wirklichkeit zu reden, von denen wir dachten, wir könnten sie im Stillen bewältigen.“

Ein Umfaller? Ein spät Erweckter, dem klargeworden ist, dass es so nicht weitergehen kann? Ein Klartext-Politiker, der erkannt hat, dass „der größere Teil der politischen, wirtschaftlichen und medialen Eliten dieser Wirklichkeit im eigenen Lebensalltag nicht begegnet“ und diese Bequemlichkeit „immer unbequemer wird für die, die in ihrem Lebensalltag nicht die Chance haben, auszuweichen“?

Aber nein. Gabriel ist einmal mehr der Taktiker, der er immer war. Aus seiner neuen Stellung auf dem politischen Schlachtfeld, von der neuen Parteiführung als Paria in den Keller verbannt, bleibt dem 59-Jährigen nur noch der pure, unverschnittene Populismus als Waffe, sich zu den Fleischtöpfen der Staatsämter zurückzukämpfen. Für den Fall, dass Nahles und ihre Truppe scheitern, will er da sein – eine Alternative für die, die dann bemerken werden, dass man Familiennachzug nicht essen kann und jeden Wohlstand, der gerecht verteilt werden soll, vorher erarbeiten muss.

Gabriel, trotz seiner enormen Körperlichkeit unglaublich gewandt, schlüpft in die Rolle des Verliererverstehers, ins Kostüm des Mutigen, der unangenehme Wahrheiten tapfer ausspricht. Er sehe „längst mindestens zwei Realitäten in unserem Land“, gesteht er, ohne das „längst“ zeitlich einzugrenzen oder zu erwähnen, warum etwas, das er „längst“ gesehen hat, nicht schon längst auch mal erwähnte. Jedenfalls sind da „gut geordnete, sichere und mit allen Vorteilen einer modernen demokratischen Gesellschaften ausgestattete Lebensbereiche – und das genaue Gegenteil“.

Staatsversagen, ruft Gabriel. Staatsversagen!!! Der frühere SPD-Chef und Außenminister hat diesen Begriff übrigens exakt in dem Augenblick in seinen Wortschatz aufgenommen, in der er selbst seine Ämter verlor.