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Katyn: Der Mordbefehl kam aus dem Politbüro

von Jan von Flocken

Das Deutsche Nachrichtenbüro (DNB) in Berlin gab am 13. April 1943 bekannt, „daß Angehörige der deutschen Wehrmacht kürzlich im russischen Katyn (zwanzig Kilometer westlich von Smolensk) Massengräber von polnischen Offizieren gefunden haben, die im Frühjahr 1940 angelegt wurden“.

Zunächst war von 10.000 Leichen die Rede, später wurde die Zahl auf 4.443 präzisiert. Der Todeszeitpunkt legte klar, daß die kriegsgefangenen Polen vor dem deutschen Einmarsch im Juni 1941 von den Sowjets ermordet wurden.

Die „sensationelle Aufdeckung riesiger Massengräber“ sollte propagandistisch genutzt werden

War die DNB-Meldung noch eher nüchtern im Ton, so hieß es in einer Presseweisung des Propagandaministeriums vom 13. April 1943: „Dieser Vorgang ist mit allem Nachdruck als eines der grauenvollsten Geschehnisse der Menschheitsgeschichte historisch festzulegen.“ Die „sensationelle Aufdeckung riesiger Massengräber“ sei „stark herauszustellen“.

Für die Sowjetführung war dieser Fall äußerst peinlich, entlarvte er doch die ganze Skrupellosigkeit ihres Regimes. Deshalb ließ Moskau schon am 15. April verkünden, die Ermordeten von Katyn seien in Wirklichkeit von Truppen der Wehrmacht liquidiert worden. Doch deutscherseits war man auf dieses Dementi vorbereitet. Als Mitte Februar 1943 die ersten Gräber zufällig entdeckt wurden, ließ man sich mehr als einen Monat Zeit, um zahlreiche Exhumierungen vorzunehmen.

Die gerichtsmedizinische Untersuchung nahm eine Kommission unter Leitung des Forensikers Gerhard Buhtz vor. Als feststand, daß alle Toten im Frühjahr 1940 ermordet wurden, ging man an die Öffentlichkeit. Das zeigte Wirkung.

Manche Offiziere müssen sich auf ihrem letzten Weg gewehrt haben

Im geheimen innenpolitischen Lagebericht des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS vom 19. April heißt es mit Genugtuung:

„Die in letzter Zeit bei nicht wenigen Volksgenossen unter der Wirkung von Parolen wie ‘die Sowjets sind nicht so schlimm, wie sie hingestellt werden’ schwächer gewordenen Gefühle des Hasses und der Angst vor dem Bolschewismus seien wieder stark belebt.“

940 Postkarten wurden aus dem deutsch besetzten Teil Polens in das Kriegsgefangenenlager von Kosjelsk gesandt. Die Postkarte wurde auf einer der Leichen entdeckt.

Nach der sowjetischen Reaktion setzte man eine Delegation des polnischen Roten Kreuzes und danach eine Kommission von zwölf führenden internationalen Gerichtsmedizinern auf den Fall an. Nach sorgfältigen Untersuchungen kam sie am 30. April 1943 zu dem Schluß:

„Aus den Zeugenaussagen, den bei den Leichen aufgefundenen Briefschaften, Tagebüchern, Zeitungen usw. ergibt sich, daß die Erschießungen in den Monaten März und April 1940 stattgefunden haben.“

Weiter wurde festgestellt:

„Daß sich manche Offiziere gewehrt haben müssen auf ihrem letzten Weg, bezeugen vierstrahlige Stiche mit dem sowjetischen Bajonett und Kieferbrüche, letztere wahrscheinlich durch einen Stoß mit dem Kolben.“

Alle Gefangenen waren durch Nahschuß in den Hinterkopf getötet worden.

Die Alliierten beschwiegen die offensichtliche Tat

Als weitere Zeugen wurden zwei in Nordafrika kriegsgefangene US-Offiziere nach Katyn gebracht. Oberstleutnant Donald B. Stewart resümierte:

„Meine Einschätzung war, daß diese Männer durch die Russen ermordet wurden, während sie deren Gefangene waren.“

Der zweite US-Offizier in Katyn, Oberst John van Vliet jr., bestätigte diese Erklärung. Beide sagten 1945 vor einem Komitee des US-Heeres aus, wurden aber zu striktem Schweigen verpflichtet, weil die Washingtoner Außenpolitik damals noch an einem gedeihlichen Verhältnis zur UdSSR interessiert war.

Öffnung der Massengräber

Das änderte sich erst 1951 im Gefolge des Kalten Krieges. Ein Untersuchungsausschuß des US-Kongresses unter Leitung des Abgeordneten Ray J. Madden befragte ein Jahr lang insgesamt 81 Zeugen, sichtete mehr als 100 schriftliche Aussagen und untersuchte 183 Beweisstücke. Danach hieß es, nach Abwägung aller Beweise stehe die sowjetische Schuld am Massaker von Katyn „zweifelsfrei fest“.

Doch Moskau reagierte in keiner Weise, obwohl bekannt war, daß nach dem Einmarsch in Polen am 17. September 1939 etwa 242.000 Angehörige des polnischen Heeres und der Marine in sowjetische Kriegsgefangenschaft gerieten. Die Offiziere, darunter auch höhere Chargen der Polizei, wurden in drei streng bewachten Lagern konzentriert: Starobjelsk in der Ukraine, Ostaschkow (eine Insel im nordrussischen Seliger-See) und Kosjelsk südlich von Moskau.

Die Sowjetunion leugnete die Täterschaft bis 1990

Von hier aus durften sie mit ihren Angehörigen korrespondieren. Doch im Frühjahr 1940 verstummten plötzlich sämtliche Lebenszeichen aus den Lagern. Die besorgten Angehörigen baten in Moskau um Auskunft.

„Sowjetische Vertreter gaben unklare, verwaschene, auch widersprüchliche und lachhafte Antworten“,

schreibt Gerd Kaiser in seinem Kompendium „Katyn – Das Staatsverbrechen, das Staatsgeheimnis“ (2002).

Nach den Funden von Katyn verlangte die polnische Exilregierung in London mit allem Nachdruck eine Aufklärung. Statt einer Antwort brach Moskau schon am 26. April 1943 die diplomatischen Beziehungen mit den Polen ab. Man leugnete alle Schuld. Mehr noch: Nachdem 1944 das Gebiet wieder von der Wehrmacht zurückerobert werden konnte, wurde im Wald von Katyn ein Gedenkstein gelegt mit der Inschrift:

„Hier sind kriegsgefangene polnische Offiziere beigesetzt, die im Herbst 1941 von deutsch-faschistischen Okkupanten bestialisch zu Tode gequält wurden.“

An dieser Version hielten die Sowjets jahrzehntelang hartnäckig fest. Selbst in der Periode von „Glasnost“ (Offenheit, Transparenz) änderte sich das nicht. Erst im April 1990 bekannte sich Generalsekretär Michail Gorbatschow zur sowjetischen Schuld im Fall Katyn. Doch das war weniger als die halbe Wahrheit.

Nur 395 ließ man als künftige Kollaborateure am Leben

Tatsächlich erfolgten 1940 nicht nur in Katyn, sondern auch nahe Mjednoje (bei Twer), Pjatichatki (bei Belgorod) oder Bykownia östlich von Kiew (JF 34/06) Massenmorde an polnischen Offizieren. Insgesamt fielen dem Kriegsverbrechen mehr als 14.500 Männer zum Opfer. Diese Massaker waren nicht, wie lange im Westen vermutet, eine isolierte Aktion der Geheimpolizei des sowjetischen Innenministeriums NKWD.

Der Mordbefehl kam von oberster Instanz. Am 5. März 1940 legte das Politbüro-Mitglied Lawrenti Berija seinen Kollegen einen Beschluß vor. Darin hieß es über die 14.736 polnischen Offiziere:

„Alle sind geschworene Feinde der Sowjetmacht, haßerfüllt gegenüber der sowjetischen Ordnung“, so daß über sie „in Sonderberatungen zu entscheiden und dabei die Höchststrafe – Tod durch Erschießen anzuwenden ist“.

Dieser Mordbefehl wurde von allen Mitgliedern des Politbüros unterzeichnet beziehungsweise zur Kenntnis gegeben: Stalin, Berija, Molotow, Kaganowitsch, Woroschilow, Kalinin und Mikojan.

Daraufhin wurden vom 3. bis 5. April die Insassen der Lager Kosjelsk (bei Katyn), Ostaschkow (bei Mjednoje) und Starobjelsk (bei Pjatichatki) erschossen. In einer Vollzugsmeldung vom 19. Mai 1940 berichteten die drei Leiter der Vernichtungsaktionen streng geheim: „Insgesamt wurden 14.587 Personen liquidiert.“ Nur 395 ließ man als künftige Kollaborateure am Leben.