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Frankreich: Fracksausen bei den Eliten – Gelbwesten nicht mehr kontrollierbar – es droht eine echte Revolution

von Niki Vogt

Frederic Filloux ist Medienwissenschaftler und ein gebildeter Schreiber. Seine Themen kann man auf seiner Medienseite im Internet sehen. Er kümmert sich sehr stark um Themen in den sozialen Medien, um die Entwicklung der klassischen Medien, deren Fürsprecher er ist.

Er beobachtet die Entwicklung weg von den klassischen Zeitungen und hin zu den Blogs, Alternativen und Sozialen Medien mit Sorge. Auch die Tatsache, dass die Werbung von den Firmen zunehmend selbst gemacht wird und sich mehr und mehr vom althergebrachten Anzeigengeschäft verabschiedet, erschreckt ihn.

Richtig aufregen kann ihn aber die gegenwärtige Revolution der Gelbwesten. Er nennt sie eine lose Gruppe von Demonstranten und Randalierern, denen nur eins gemein sei, sie protestieren gegen Macrons Politik.

Der Mann und seine Äußerungen wären nicht weiter interessant, wenn sie nicht stellvertretend für die etablierte Medienwelt wäre. Man weiß einfach nicht, wie man mit dem Protest umgehen soll, der tatsächlich das Zeug zu haben scheint, eine veritable Revolution in Gang zu setzen.

So schreibt auch Leonid Bershidsky auf Bloomberg vollkommen fassungslos:

There’s nothing democratic about the emergence of Facebook group administrators as spokespeople for what passes for a popular movement. Unlike Macron and French legislators, they are unelected.“

Übersetzung:

Es gibt nichts Demokratisches an dem Emporkommen der (Facebook)-Gruppenadministratoren zum Sprecher für das, was da als Volksbewegung gilt. Im Gegensatz zu Macron und den Französischen Gesetzgebern sind sie nicht gewählt worden.

Soviel hilfloses Unverständnis ist schon fast rührend. Diese Leute sollten einmal ihre Nase in ein gutes Geschichtsbuch stecken. Revolutionsführer stellen sich nie zur Wahl. Bei der französischen Revolution gab es vorher einige geistige Wegbereiter, es gab Schreiber und Denker, aber die waren es nicht, die an der Spitze des wütenden Volkes die Bastille erstürmt haben, zumal dieses Gefängnis als Ziel eigentlich auch vollkommen unmaßgeblich war.

Revolutionen sind ein eruptiver Vorgang, wie ein Vulkanausbruch. Sie brodeln unterirdisch lange vor sich hin. Wer es genau beobachtet, stellt fest, dass der Boden arbeitet und sich hebt, dass es aus verschiedenen kleinen und größeren Spalten raucht und qualmt, aber obendrauf sieht alles noch normal aus. Und dann eines schönen Tages grollt und wummert es vielleicht noch vorher, und dann speit der Vulkan Asche und Feuer. Ein pyroklasitischer Strom und glühende Lava wälzen sich mit D-Zuggeschwindigkeit zu Tal und vernichten alles, was im Weg ist.

Mit einem zur Weißglut aufgestachelten Volk kann man genausowenig über Demokratie und gute Manieren diskutieren, wie mit einem Vulkan über die Zerstörung seines pyroklastischen Stromes. Das beweist die Geschichte der Menschheit. Es hat seit Jahren genügend Anzeichen vorher gegeben, wie vor jeder Revolution.

Die Wahl Macrons zum Präsidenten war ein Trick des Systems, bei dem im letzten Moment der französische Wähler noch mal hereingelegt und getäuscht werden konnte mit einem künstlichen, hübschen Bürschlein, das sich als großer Reformator inszenieren ließ, dann aber noch schneller verhasst war als alle Präsidenten vor ihm.

Und was die demokratische Legitimation betrifft, so haben die Qualitätsmedien Europas alle einhelllig berichtet, dass die Gelbwestenproteste von 75 Prozent der Franzosen unterstützt und getragen wird. Eine solche überwältigende Mehrheit kann man dann schon demokratisch nennen.

Frederic Filloux stört sich an der Art und Weise, wie die Proteste und der Aufruhr zustandekamen:

Two weeks ago, more than 1,500 Yellow Vests-related Facebook events were organized locally, sometimes garnering a quarter of a city’s population. Self-appointed thinkers became national figures, thanks to popular pages and a flurry of Facebook Live. One of them, Maxime Nicolle (107,000 followers), organizes frequent impromptu “lives”, immediately followed by thousands of people. His gospel is a hodgepodge of incoherent demands but he’s now a national voice. His Facebook account, featuring a guillotine, symbol of the French Revolution and the device for death penalty until 1981, was briefly suspended before being reinstated after he put up a more acceptable image. Despite surreals, but always copious lists of claims, these people appear on popular TV shows. Right now in France, traditional TV is trailing a social sphere seen as uncorrupted by the elites, unfiltered, and more authentic.“

Übersetzung:

Vor zwei Wochen wurden vor Ort mehr als 1.500 Facebook-Veranstaltungen im Zusammenhang mit den Gelben Westen organisiert, die manchmal ein Viertel der Bevölkerung einer Stadt mobilisierten. Selbsternannte Denker wurden dank populärer Seiten und einer Flut von „Facebook-Lives“ zu nationalen Persönlichkeiten. Einer von ihnen, Maxime Nicolle (mit 107.000 Anhängern), organisiert häufig improvisierte „Lives“, woraufhin ihm unmittelbar Tausende Leute folgen. Sein Evangelium ist ein Gebräu wirrer Forderungen, aber er ist jetzt eine Stimme der Nation. Sein Facebook-Konto mit dem Bild einer Guillotine, Symbol der Französischen Revolution und dem Instrument für die Todesstrafe bis 1981, wurde vorübergehend heruntergenommen, nachdem er zwischendrin ein akzeptableres Bild eingesezt hatte. Trotz surrealer Vorstellungen, aber immer mit ellenlangen Listen an Forderungen, tauchen diese Leute in populären Fernsehsendungen auf. Das nationale Fernsehen läuft zur Zeit einer sozialen Bewegung hinterher, die als nicht von den Eliten korrumpiert, ungefiltert und mehr authentisch gesehen wird.

Es gleicht wirklich alles einer Revolution, und auch diese Ratlosigkeit der Volkswut gegenüber ist nicht neu, sondern ein typisches Zeichen der Abgehobenheit bestimmter Kreise. Auch Marie Antoinette fragte völlig verwundert, warum denn die Leute da draußen so herumtoben und was sie denn wollen. „Sie haben kein Brot“, bekam sie zur Antwort. „Dann sollen sie doch Kuchen essen“, soll die Königin gesagt haben, was zwar nicht belegt ist, aber sehr symbolisch.

Die Revoluzzer auf der Straße sind einfach wütend und fühlen sich verraten und verkauft und zwar aus vielen Gründen, die alle zusammen das gärende „Gebräu“ des Volkszorns angerührt haben. Was die Leute umtreibt, das schreiben sie sehr wohl auf die Plakate, die sie tragen. Und wenn sie erst einmal so weit sind, dass sie nur noch „Ras de Bol!“ – also „Schnautze voll“ auf den Transparenten stehen haben, dann ist es eine Sekunde vor zwölf und es gibt keine klug formulierten Verhandlungspapiere mehr.

Herumzuheulen, dass Facebook den klassischen Medien den Rang abgelaufen habe, wie Frederic Filloux es tut, zeigt, dass er nichts begriffen hat. Die Franzosen haben sich schon lange von den klassischen Medien abgewandt, weil sie dort nur belehrt, beschimpft, belogen, manipuliert und umerzogen werden.

Die klassischen Medien sind es, die undemokratisch sind und sie haben das Vertrauen des Volkes genauso verloren, wie die Eliten, denen sie – gegen das Volk – gedient haben. Das ist die traurige Wahrheit. Und wieder fällt Elfenbeinturm-Bewohnern wie Fiolloux nichts anderes ein, als auch Facebook zu zensieren oder zu zerstören:

Sollte Facebook also verboten werden? Nein, meint Filoux. Das würde nur noch schlimmeren Plattformen den Weg bereiten. Er plädiert allerdings für eine deutlich stärkere Regulierung des weltgrößten Social Networks bis hin zur Zerschlagung.“

Diesen hochgebildeten Dummköpfen kann man nur sagen: Es hat immer schon Revolutionen gegeben, wenn es dem Volk zu dumm wurde und die Not zu groß. Auch zu Zeiten, in denen es noch kein Facebook gegeben hat. Dazu braucht kein Volk Facebook. Und das wird auch immer wieder so sein.