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Erfolgreich Zukunft verhindern

von Frank Jordan

Ideologie als Freiheitsersatz

Ist es übertrieben, zu behaupten, der Begriff der individuellen Freiheit sei heutzutage und fast vollständig durch jenen der Gerechtigkeit ersetzt? Oder anders gesagt: Das, was wir Demokratie nennen, sei bloss noch ein Kampf zwischen Ideologien und eine Gesellschaft, die soviel Ideologie brauche wie heute, grundsätzlich unfrei und krank? Ich wage zu behaupten, nein.

Mehr noch: Wir leben in einer Art Post-Freiheit und merken es nicht. Zehren von einer Art Rest-Schwung im grandiosen Mechanismus‘ der Freiheit, während der Motor längst aus ist. Denn: individuelle Freiheit und Gerechtigkeit, wie sie heute als Überbegriff jedweder ideologischer Programme benutzt wird, können nicht koexistieren. Gerechtigkeit ebenso, wie Freiheit ist immer persönlich und immer individuell. Gerechtigkeit, die über das Persönliche und persönlichen Kontakt hinausgeht, ist Programm und dient persönlichen Interessen anderer, die sich ihrerseits nicht für jene interessieren, von denen sie sie verlangen. Es ist eine anonyme, kollektivierte Gerechtigkeit, die mit individuellem und auf Selbstverantwortung basiertem Handeln nichts mehr zu tun hat. Es ist ein Lenkungsinstrument. Wer das Diktat einer solchen Gerechtigkeit akzeptiert, ist nicht frei.

Umgekehrt bedeutet das: Ein wirklich freier Mensch braucht keine Ideologie. Links, rechts, grün, braun, rot – alles Dinge, für die sein einmaliges Leben weder Zeit noch Platz bietet. Die Freiheit zu lernen, zu verstehen, zu entscheiden, zu handeln und dafür die volle Verantwortung im Rahmen seines individuellen Wertekanons zu übernehmen, lasten und füllen ihn vollkommen aus. Gerecht (sofern man diesen Begriff überhaupt im Allgemeingültigen verwenden will) handelt er, wenn er akzeptiert, dass seine Freiheit dort aufhört, wo die seines Nächsten anfängt. Wo er diese Grenze verletzt, kommt Recht zur Anwendung.

Oder anders gesagt: Ein freier Mensch erkennt, dass Ideologien ersten immer ein Freiheit-gegen-Brosamen-Tausch ist, zweitens die orchestrierte und obrigkeitlich sanktionierte Verletzung der Freiheitsgrenze anderer und dass es langfristig ein schlechter Deal ist, weil „seine“ Ideologie früher oder später Konkurrenz-Ideologien auf den Plan ruft und irgendwann seine eigene Freiheitsgrenze oder die seiner Kinder zur Debatte steht oder einfach niedergerissen wird.

Einer der genialsten PR-Streiche, ist nun jener, dass Gerechtigkeit nach und nach im Alltags-Verständnis mit Recht gleichgesetzt wurde. Heute sind wir soweit, dass ein politischen Zwecken dienender Gerechtigkeitsbegriff sich anschickt, über Recht gestellt zu werden. Von Verantwortung wird gesprochen, von Chancen und Schuld. Auch hier: Alles Dinge, für die in Wahrheit kein „wir“ zuständig sein kann, sondern nur Sie und ich im Rahmen unserer Freiheit.

Aber diese Recht-Gerechtigkeit-Gleichsetzung ist noch nicht das Genialste. Noch toller für Führer- und Herrscher-Cliquen sind die Auswirkungen solcher Ideologie- und Bequemlichkeitsverblödung. Jene nämlich, dass sich keiner für Zukunft interessiert. Weder für die eigene, noch für die seiner Kinder. Dies deshalb, weil solche Gerechtigkeit immer Schadenersatz für Vergangenes oder heute Entgangenes ist. Zukunft im Sinn von Aufbruch, Wagnis, Erforschung, Entdeckung, Pionier- und Unternehmertum kann da nicht stattfinden. Solche Gerechtigkeit sind die Gitter und Stäbe vor den Fenstern und Türen des Möglichen.

Die beliebtesten Gäule vor der politischen Gerechtigkeitskarre heissen Opfertum und Schuld. Ersteres gerne auf metoo-Niveau, letzteres als Hypothek, die ein „wir“, ohne dass das Individuum gefragt wird, von anderen zu übernehmen hat. Gemeinsamen ist jenen, die sich als Opfer fühlen und denen, die sich Schuld diktieren lassen, dass sie keine Vergangenheit haben. Vergangenes ist bei solcher Wahrnehmung nicht vergangen, sondern bestimmt Gegenwart und Personen und löscht, solange es dominiert, das Recht auf Zukunft und die Pflicht dazu aus.

Anstatt also als Individuum frei zu Handeln und Verantwortung zu übernehmen, wird grossflächig ein Verharren in diktierter Meinung zelebriert, das eines Tages zur Folge haben wird (weil Ideologien solches am Ende immer zur Folge haben), dass, was man verbal so vehement zu verhindern und nie wieder zu sehen oder gar zu erleben sucht, wieder eintreten wird. Weil man sich in Benachteiligung, Forderer-Mentalität, Schuld-Kult und Hass auf alles Eigene die Zukunft verwehrt – besser: Sie auf Kosten anderer verschenkt, anstatt sie zu gestalten. Ideologiefrei und damit frei.

Bisher funktioniert alles prächtig.

Ich stelle mir vor, wie jene, die politisch und finanziell die Finger am Knopf haben, sich jedes Mal herrlich amüsieren, wenn sie mit selbigem und mit Landesmuttermiene auf die Vergangenheit deuten oder den Leuten sagen, sie hätten ein „Menschenrecht“ auf Wiedergutmachung für irgendwelche angeborenen Merkmale oder eigene Entscheidungen in der Vergangenheit. Die kommen doch aus dem Lachen gar nicht mehr heraus, wenn sie sehen, dass Zukunft nur noch das ist, was ihnen selbst vorschwebt während das Leben anderer, gestern aufgehört hat oder spätestens heute steckenbleibt.

Und es ist kein Ende abzusehen: Die Umverteilung im Namen der Gerechtigkeit hat innerstaatlich – mit und ohne Zuwanderung – Ausmasse angenommen, die Worte wie Verschuldung, Inflation, Steuerbelastung und Nullzinsen geradezu niedlich anmuten lassen.

Europäisch ist man auf Solidaritäts-Kurs. Global spuren der IWF und andere supranationale Organisationen mit Klimagerechtigkeit, Digitalisierungsgerechtigkeit und Sorgenbekundungen zu wirtschaftlichen Schlechtwetterfronten und die Verantwortung des Westens für die wirtschaftliche Lage afrikanischer Staaten vor.  Das Ziel: Umverteilung total. Ideologie total. Freiheit findet nicht mehr statt.

Gibt es einen Weg hinaus aus dem Wahnsinn?

Für unsere Gesellschaft – nein. Sie hat sich als Mehrheit für Gerechtigkeit und gegen individuelle Freiheit entschieden.

Für Sie und mich als Einzelne – ja. Entzieht und verweigert diesen Leuten die Früchte des eigenen und einzigen Lebens. Kinder ebenso, wie Geldwerte. Mehr kann einer nicht tun.

Aber für dieses kleine „Mehr“ wird er bereits heute vieles und irgendeinmal vielleicht alles riskieren müssen.

Und es wird alles sein, was er hat – während das Gros dann nichts mehr hat.

Ausser echter individueller Schuld.