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Ein Insider packt aus: Wie sich die Helferindustrie die Taschen voll macht

von Max Erdinger

Daß der Staat einen recht entspannten Umgang mit den Steuergeldern der Bürger pflegt, ist inzwischen bekannt. Der Bund der Steuerzahler prangert das seit Jahren an. Spitzenreiter unter den Zeugnissen behördlicher Verantwortungslosigkeit ist sicherlich die Bauruine BER, der milliardenteure Flughafen, der niemals fertig wird.

Von Brücken ist die Rede, die frei in der Landschaft stehen, ohne daß sie eine Straßenanbindung hätten. Radwegebau wird bezuschusst für Radwege, die im Nichts enden. Es werden großzügig Zuschüsse für den Bau von Verkehrskreiseln gewährt, die dort kein Mensch braucht, wo sie gebaut werden und dergleichen mehr. Es geht aber nicht nur um die Infrastruktur, sondern auch um die „berufliche Weiterbildung“.

In lockerer Reihenfolge werden wir in den nächsten Wochen die Anekdoten des Diplom-Betriebswirts Willy S. (Name von der Redaktion geändert) bringen. Er hat der Redaktion aufschlußreiche Einblicke in seine Unterlagen gewährt und hält ein Füllhorn an Anekdoten bereit, die er in seiner Zeit als Lehrkraft für verschiedene Bildungsträger gesammelt hat.

In unserer ersten Folge geht es um Weiterbildungsmaßnahmen des damaligen Arbeitsamtes (heute: Bundesagentur für Arbeit) in der Nachwendezeit. Willy S. war von 1991 bis 1993 freiberuflich im Auftrag eines kleineren Bildungsträgers in Wurzen bei Leipzig tätig, um arbeitslosen „Ossis“ das marktwirtschaftliche System der alten Bundesrepublik zu verklickern.

Wie die Jungfrau zum Kind

Willy S. war Anfang Dreißig, als er sein Studium an der Fachhochschule beendet hatte. Eine Arbeitsstelle hatte er noch nicht, als er eines Tages durch die Stadt schlenderte. Aus einem Straßencafé winkte ihm jemand zu, den er erst auf den zweiten Blick identifizieren konnte.

Es handelte sich um seinen Studienkollegen Rainer H., einen notorischen Schnorrer („haste ma´ne Zigarette für mich?“), der armer Student gewesen war und plötzlich so „geldig“ wirkte. Feine Klamotten, schicke Frisur –  woher auf einmal der Luxus?

Willy S. setzte sich zu ihm und hatte wenig später eine verlockende berufliche Perspektive.  Wenn er es so machen würde wie Rainer H., würde auch er selbst bald 500 Mark Tagessatz verrechnen, 10.000 Mark Monatsgehalt einstreichen und mit der Kohle nur so um sich werfen können. Wenige Tage später wurde der frischgebackene Diplom-Betriebswirt Willy S. in der Firma vorstellig, in der auch Rainer H. arbeitete.

Es handelte sich dabei um einen sog. Bildungsträger, der vom Arbeitsamt beauftragt worden war, in den neuen Bundesländern „Qualifizierung und berufliche Weiterbildung“ zu betreiben. Willy S. wurde mit Handkuß genommen. Eingestellt wurde er von einer vormaligen Grundschullehrerin, die von Betriebswirtschaftslehre keinen blassen Dunst hatte.

Eine Zahl sei damals im Gespräch gewesen, erinnert sich Willy S., der zufolge allein im Raum Leipzig über 100 solcher Bildungsträger zugange gewesen sein sollen. Willy S. zog bald von Bayern nach Wurzen um, wo sein neuer Arbeitgeber Räumlichkeiten zur Durchführung von Schulungen angemietet hatte.

Warum so viel Honorar?

Rückblickend, sagt Willy S., sei ihm schon klar, warum er damals umstandslos ein derartig hohes Honorar zugesprochen bekam. Für weniger wäre keiner in den Osten gegangen, sagt er. Die Lage auf dem Wohnungsmarkt war trotz vieler Leerstände dramatisch, da die Treuhand vielerorts den Abschluß neuer Mietverträge untersagt hatte, um frei über leerstehende Immobilien verfügen zu können.

Die Wohnung, die er letztlich in Wurzen fand, sei ein Loch gewesen. Aber es gab eben viel Geld u.a. auch dafür, sich mit der Wohnsituation zu arrangieren. Fortan lebte Willy S. unter der Woche in Wurzen und fuhr lediglich an den Wochenenden die ca. 350 Kilometer in seine bayerische Heimatstadt. Die Benzinkosten wurden ihm ersetzt. Und er hielt die Kurse ab, deren Besuch für die Arbeitslosen der Ex-DDR verpflichtend war, um Leistungskürzungen zu vermeiden – und für ihn insofern verpflichtend, als daß das Steuergeld nur so auf ihn herabregnete.

Der Kurs

Willy S. unterrichtete „Volkswirtschaftslehre für Akademiker“, „Allgemeine Betriebswirtschaftslehre für Akademiker“ und „Rechnungswesen für Akademiker“. Der vom Arbeitsamt genehmigte „Lehrplan“ bestand aus einer dreisten 1:1-Kopie der Gliederung aus Lugers „Allgemeine BWL, Band 1+2„, die einzelnen Gliederungspunkte komplettiert durch eine Zahl, welche die Unterrichtsstunden angab, die dafür vorgesehen worden waren. Noch heute kann es Willy S. nicht fassen, daß das damals ausreichte, um vom Arbeitsamt als Bildungsträger beauftragt zu werden und dick Steuerkohle abzuschöpfen.

Willy S. erinnert sich an den ersten Arbeitstag in Wurzen, und daß er am zweiten eigentlich wieder gehen wollte. Von wegen „Kurse für Akademiker“. Seine Klientel war bunt gemischt. In seinem ersten Kurs gab es neben einem Arzt und wenigen anderen Akademikern auch eine Melkerin aus einer LPG und einen Hilfsarbeiter-Spriti, der schon lange arbeitslos gewesen war. Die Alterszusammensetzung seiner Kursgruppe war ebenfalls alles andere als homogen – und es sei allen anzumerken gewesen, daß sie den Kurs nicht besuchten, um etwas zu lernen, sondern um Leistungskürzungen zu vermeiden.

Für Willy S. war schnell klar, daß er hier bestens bezahlter Hauptdarsteller in einer Farce geworden war. Durch die schiere Vielzahl an Kursen, die vom Arbeitsamt angeboten wurden, seien über Nacht etwa 50.000 Arbeitslose aus dem Raum Leipzig aus der Arbeitslosenstatistik verschwunden; der Glaube an Kanzler Kohls blühende Landschaften sei noch ungebrochen gewesen; die Firmenzusammenbrüche aufgrund der kollabierenden UdSSR und des damit verbundenen Untergangs des DDR-Exports hätten gerade erst ihren Lauf genommen.

Keiner der Kontakte zu Firmen, mit denen er bei den Kursteilnehmern für die Sinnhaftigkeit des Kursbesuches warb, habe tatsächlich noch existiert. Im Laufe der knapp zwei Jahre, die Willy S. in Wurzen zubrachte, sei der Mangel an qualifizierten Betriebswirtschaftlern, die solche Kurse leiteten wie er selbst, so groß geworden, daß er neue Kollegen bekam, die selbst z.T. noch Studenten gewesen sind. Einer der anderen Kursleiter für Betriebswirtschaftslehre sei gar ein ausgebildeter Rettungssanitäter gewesen. Aber alle kassierten sie im großen Stil ab.

Eine typische Kursgruppe habe aus um die zwanzig Teilnehmern bestanden, erzählt Willy S.. Die Kursdauer sei mit 9 Monaten angesetzt gewesen. Für jeden Teilnehmer gab es 30.000 Mark, die vom Arbeitsamt an den Bildungsträger überwiesen wurden, in Summe also 600.000 Mark für den kompletten 9-Monatskurs. Die Ausgaben hielten sich in Grenzen. Es gab zwei Bücher für jeden Teilnehmer, Arbeitsblätter, Kopien und Hefte, dazu kam noch sein Gehalt und die Miete für den Unterrichtsrraum. Es muß eine riesige Menge Geld beim Bildungsträger hängen geblieben sein, sagt Willy S..

Für den Ausbildungserfolg interessierte sich niemand, die Tests entwarf er selbst, korrigiert hat er sie nachlässig, da sie ohnehin keine Rolle spielten. Der Vorteil an den Tests war, daß man keinen Unterricht zu halten brauchte, von dem man ohnehin nicht wusste, was er bei der vorhandenen, desinteressierten Klientel bewirken soll. Das half dabei, den Lehrplan auf neun Monate zu strecken. Das Wichtigste sei gewesen, einmal in der Woche eine Anwesenheitsliste beim Arbeitsamt abzugeben, aus der hervorging, wer geschwänzt hatte.

Unvergeßlich ist für Willy S. der Tag geblieben, an dem er den Kursteilnehmern das Wesen des Eigentumsvorbehalts klarmachen wollte. Der Spriti aus seinem Kurs habe glatt bestritten, daß es so etwas wie einen Eigentumsvorbehalt überhaupt geben könne, als es an der Tür klopfte. Es war die Ehefrau des Spritis. Vor versammelter Klasse habe sie ihn rund gemacht, weil der Kohlenhändler bei ihnen zuhause aufgetaucht war, um die geliefeten Kohlen wieder aus dem Keller zu holen.

Spriti hatte die Rechnung nicht bezahlt. Hinterher habe er aber gewußt, daß es den Eigentumsvorbehalt tatsächlich gibt. Hin und wieder sei es tatsächlich auch zur Arbeitsvermittlung aus dem Kurs heraus gekommen. Einer der Teilnehmer war zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen worden und wollte von Willy S. wissen, was „geschäftsmäßiges Erscheinen“ bedeutet. Willy S. erklärte ihm, daß er sich einen Stift hinters Ohr stecken soll. Der Mann hat den Job bekommen.

Um den Großteil dieses lukrativen Kursmarktes haben sich namhafte Bildungsträger gegenseitig Konkurrenz gemacht, sagt Willy S., etwa die gewerkschaftsnahe „Deutsche Angestellten Akademie“ (DAA), das wirtschaftsnahe BFZ, die Eckardt-Bildungswerke oder das Control Data Institute.

Zu beweisen gäbe es zwar nichts, sagt Willy S., aber es seien damals Gerüchte im Umlauf gewesen, daß kleinere Bildungsträger wie sein eigener Arbeitgeber stolze Summen auf den Schreibtischen der Sachbearbeiter bei den Arbeitsämtern hinterlassen hätten, um an der Beute aus Steuergeldern beteiligt zu werden und Bildungsaufträge zu erhalten.

Die einzigen, die den ganzen Schmäh wenigstens zum Teil ernstgenommen haben, seien Kursteilnehmer gewesen. An die Sinnhaftigkeit dieser Bildungsmaßnahmen habe weder sein Arbeitgeber, seine Kollegen noch er selbst je geglaubt.

Nächste Folge: Wie man als Helfer der Integrationsindustrie zu einem kostenlosen Strandurlaub in Mosambik kommt.