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Der Tod der Monarchie war keinesfalls »natürlich«

von Erik Lommatzsch

Vielen erscheint der Sturz der Fürsten des Deutschen Reichs im November 1918 heute wie ein  selbstverständlicher, wenn nicht gar überfälliger Akt des historischen Fortschritts. Wer näher  hinsieht, der kann diesem dürren Resümee jedoch kaum folgen.

Am Nachmittag des 28. November 1918 hatte Wilhelm II., mittlerweile im niederländischen Schloss Amerongen im Exil, die von der amtierenden deutschen Regierung so dringend gewünschte Unterschrift endlich geleistet. Der letzte kaiserliche Reichskanzler, Prinz Max von Baden, hatte die Abdankung zwar bereits am  9. November verkündet. De facto galt sie als vollzogen, formell waren Ansprüche und Stellung des Monarchen aber noch in einer Art Schwebezustand.

Wilhelm verzichtete nun

„für alle Zukunft auf die Rechte an der Krone Preußens und die damit verbundenen Rechte an der deutschen Kaiserkrone“.

Folgt man dem Historiker Lothar Machtan, so war hier „allerdings eher ein Geschäft abgewickelt“ worden. In einem im Gegensatz zur Verzichtserklärung nicht veröffentlichten Schreiben äußerte der abgesetzte Kaiser die – sich erfüllende – Erwartung, dass nun sein Vermögen freigegeben werde.

Damit habe er sich, so Machtan, seine Rechte abkaufen lassen. Der Sinn für das „Erhabene“ der Krone, die einen solchen Handel früher undenkbar gemacht hätte, sei nicht mehr vorhanden gewesen.

Die Monarchie in Deutschland sei 1918 „eines natürlichen Todes“ gestorben.

Tatsächlich fielen in den Tagen und Wochen nach dem 9. November sämtliche deutsche Fürsten. 22 Herrscherhäuser gab es bis dahin noch, aufgrund fehlender Erben dreier Dynastien allerdings nur 19 Herrscher, die abdankten oder „entthront“ wurden. Das  Überleben der Monarchie Wilhelms II. wäre, wohl vor allem begründet mit seiner Person und der ihm zugeschriebenen Rolle bezüglich des Ersten Weltkriegs, in der Tat wenig vorstellbar gewesen, auch in der kurzeitig erwogenen Variante, als Kaiser zu verzichten, aber König von Preußen zu bleiben.

Ähnliches gilt für einen Übergang an den Kronprinzen unter den damaligen Umständen. Zudem hatte Wilhelm II. die Erwartung seiner zu dieser Zeit vielleicht gar nicht so wenigen Anhänger enttäuscht, dass er um seine Position kämpfen würde.

Weit weniger klar nachvollziehbar ist der „natürliche“ Tod einer Reihe anderer deutscher Monarchien und Fürstenherrschaften. Viele erfreuten sich großer Beliebtheit. Mag sein, dass nicht alle im Zusammenhang mit den Abdankungen des Herbstes 1918 kolportierten Geschichten historisch wasserfest sind.

Allerdings stehen sie für ein Stimmungsbild, welches nicht gerade darauf hindeutet, dass man allerorts froh war, den Regenten „endlich los zu sein“.

In puncto Volkstümlichkeit kann es mit dem letzten sächsischen König, Friedrich August III., wohl keiner aufnehmen. Der bekannteste Ausspruch in Reaktion auf die sich wandelnden Verhältnisse – „Machd doch eiern Drägg alleene!“ – ist aller Wahrscheinlichkeit nach in dieser Form von ihm nicht geäußert worden.

Untypisch wäre dieser resignative, aber doch auch gelassen-distanzierte Satz für den König, der das sächsische Idiom selbstbewusst pflegte, nicht gewesen.

Eine etwas zahmere Variante findet sich in einem Nachruf:

„Wenn meine Sachsen glauben ohne mich glücklicher zu sein, so will ich ihnen nicht im Wege stehen.“

Der anekdotenträchtige Fried­rich August III. war im Übrigen alles andere als ungebildet. Die revolutionären Vorgänge in Dresden verliefen – im Gegensatz zu Berlin – unblutig, ausdrücklich hatte der König „Waffenanwendung untersagt“. Gesträubt hatte er sich zunächst noch gegen einen Weggang aus der sächsischen Hauptstadt – von Flucht kann man in seinem Fall eigentlich nicht sprechen – mit den Worten:

„Ich genne doch meine Dräsdner, die duhn mir nischt.“

Unrecht gehabt hat er damit wohl nicht. Selbst der erst seit wenigen Tagen amtierende sozialdemokratische Minister Julius Fräßdorf wunderte sich nach der letztlich doch erfolgten Abfahrt:

„Warum geht denn der König fort? Hier hätte ihm niemand etwas getan.“

Ihren Monarchen vermissten die Sachsen offenbar. Hoch- und Willkommensrufe habe es gegeben, als der Zug, in welchem sich der nun nicht mehr amtierende König befand, 1919 auf der Durchreise einen Halt in Leipzig einlegen musste. Eine Menschenmenge,

„Angehörige des sogenannten werktätigen Volkes und wohl in der großen Mehrzahl Sozialdemokraten“,

wie ein Sohn des Königs überliefert, sei spontan zusammengekommen.

Wohl nicht ganz unerfreut soll Fried­rich August mit den Worten „Ihr seid mir aber schöne Republikaner“ reagiert haben. Als der im Februar 1932 verstorbene Herrscher in Dresden aufgebahrt wurde, nahmen Hunderttausende Abschied, der Andrang war so groß, dass es neben Verletzten sogar zwei Tote gab.

Dem Bayernkönig Ludwig III., der am 7. November 1918 im Englischen Garten in München seinen täglichen Spaziergang unternahm, während die revolutionären Vorgänge auf der Theresienwiese Fahrt aufzunehmen begannen, sollen ihm einige Arbeiter begegnet sein.

Besorgt und ganz und gar nicht umstürzlerisch drängten sie den greisen Monarchen, er möge nach Hause gehen und dort bleiben – damit ihm nichts passiere.

In Stuttgart hatte der Sozialdemokrat Wilhelm Keil noch vor Herbst 1918 geäußert, falls das „Ländle“ einmal Republik werden sollte, dann käme König Wilhelm II. von Württemberg als Präsident in Frage. Keil hätte Württemberg ohnehin gern die Monarchie erhalten und ließ von dieser Position nur ab, um ein Abgleiten der Revolution zum Linksextremismus zu verhindern.

Ebenfalls in Stuttgart war ein wortführender Spartakist am 4. November 1918 in Erklärungsnot:

Der Innenminister erklärte diesem und anderen Demonstranten, der König habe „stets vorbildlich konstitutionell regiert“, für die geforderte Veränderung der Staatsform bestehe daher kein Anlass.

Dem Spartakisten war es nicht möglich, in der Sache zu widersprechen, er kam auf das Prinzipielle: Die Aussage über den König stimme, dennoch müsse die Monarchie fallen. Die frappierende Begründung: „’s ischt aber wegen dem Sischtem.“

Eine Vielzahl von Berichten legt nahe, dass man den Fürsten oftmals mehr als nur eine Träne nachweinte. Noch in der ersten Hälfte der 1970er Jahre fragte die „Bild-Zeitung“, wen die Deutschen in der Bundesrepublik „am liebsten als Bundespräsidenten sehen würden“. Keineswegs favorisierten die Leser den Amtsinhaber, den „Bürgerpräsidenten“ Gustav Heinemann, sondern vielmehr Prinz Louis Ferdinand von Preußen, Enkel Kaiser Wilhelms II.

Das alles will so gar nicht zum „natürlichen“ Tod passen.

Neben das auch von der Wissenschaft geformte Bild des autokratischen, demokratiefeindlichen Fürsten lässt sich ebenso ein anderes stellen. So betont der Historiker Frank-Lothar Kroll die Rolle der überparteilich agierenden „Landesväter“ der kleineren, bis auf eine Ausnahme konstitutionellen Staaten des Kaiserreichs, die gerade in Abgrenzung zur preußischen Vormacht als Identifikationsmittelpunkt wahrgenommen wurden.

Oft war man alles andere als volksfern und gab sich persönlich vergleichsweise anspruchslos. Insbesondere in ihren Residenzen förderten sie die Kultur als Mäzene oder betätigten sich sogar selbst künstlerisch, wie etwa der „Theaterherzog“ Georg II. von Sachsen-Meiningen oder Ernst-Ludwig von Hessen-Darmstadt. Letzterer und Friedrich I. von Baden hatten zu Empfängen auch immer wieder sozialdemokratische Politiker eingeladen.

Der Gedanke der Stabilität, die Vorstellung einer neutralen, allseits akzeptierten und damit im Konfliktfall vermittelnden und ausgleichenden Spitze, nachhaltige Entscheidungen aus Verantwortung für eine nicht nur in Legislaturperioden wahrgenommene Zukunft – all dies sind weitere Punkte, die sich, über Anekdoten und konkretes historisches Geschehen hinaus, mit fürstlicher beziehungsweise monarchischer Herrschaft verbinden.

Mag die funktionierende Demokratie die beste aller Staatsformen sein – die nicht immer rationalen Sehnsüchte nach der Epoche der letzten regierenden deutschen Fürsten von so manchem heutigen Zeitgenossen sind zumindest nicht ganz unverständlich.