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Der Tag, an dem sie eure Gartenzwerge zertreten

von Young German

Es gab einmal eine schöne Stadt, wie es keine schönere diesseits der Berge gab. Sie war von ehernen Menschen einst errichtet worden, die jeden Ziegelstein den Elementen abringen mussten, um so wunderbare Häuser, Türme und Mauern zu bauen. In den Gärten der Stadt blühten die Veilchen, Gladiolen und Rosen in allen Farben des Regenbogens.

Hier lebten die Menschen in Wonne und Gemütlichkeit im Schutz der großen Berge, hinter denen sich die Gewitterwolken von Einst versteckt hielten. Hier stürmte es nie und hier tat man sein Leben so leben, als sei es ein Geschenk, das man sich nicht jeden Tag im Schweiße des Angesichts erkämpfen musste.

Diese Tage lagen lang hintern den Bewohnern der Stadt am Berg, die mit den Jahren immer prachtvollere Häuser und Gärten bauten. Ausgiebig feierten sie die Feste wie sie fielen, tollten auf ihrem Jahrmarkt herum und gönnten sich die großen Kutschen, wie sie kein anderer auf dem Kontinent fahren konnte. So groß war die Zufriedenheit und Glückseligkeit, das selbst die Ärmsten wenigstens nicht hungern mussten.

Es war in diesen Jahren der Unbeschwertheit, dass die große Stadtmauer, die gen der Berge im Osten gerichtet war, langsam dem Verfall anheim fiel. Einst war sie prächtig und gewaltig gewesen, ein Bollwerk gegen die Wolfsmenschen aus der Fremde, die noch in den Jahrzehnten und Jahrhunderten vor der großen Friedenszeit den Schutz der Stadtmenschen garantiert hatte.

Noch im letzten Jahrhundert hatte jede Familie einen Sohn an die Stadtwächter zu geben, die den jungen Mann zum Verteidiger des kleinen Städtchens machten, das so friedlich hinter ihnen schlummerte. Es war dieser Pakt zwischen Städtern und Wächtern, der den Frieden gesichert und viele Invasionen der Wolfsmenschen abgewehrt hatte, bis sie eines Tages gänzlich aufhörten zu kommen.

Und waren es anfänglich noch fast alle Familien, die auch danach noch ihre Kinder für einige Jahre zu den Wächtern schickten, siechte die Tradition langsam dahin. Und wer könnte auch mit den feisten Städtern streiten, die glaubten das Ende aller Wolfsmenschen gesehen zu haben?

70,80 und 90 Jahre Frieden waren mehr, als sich die Altvorderen und Vorväter jemals hätten träumen lassen. Längst war doch jedem klar, dass von jenseits der Berge keinerlei Gefahr mehr drohen könnte. Selbst die Urväter, die noch echte Wolfszeiten erlebt hatten, starben langsam und gingen mit dem Lauf der Zeit. Sie gerieten in Vergessenheit und auch ihre Erfahrungen wurden zu Märchen, mit denen man die Kinder erschrecken konnte.

Die letzten der Wächter waren drei. Der Alte, der Mittlere und der Jüngste. Sie waren die letzten ihrer Zunft, einer aussterbenden Gattung, die noch auf den zerbröselnden Mauern Ausschau nach jenen Monstern hielten, von denen sie glaubten, dass sie eines Tages zurückkehren würden. Immerzu gingen sie durch die Straßen der schönen Stadt am Berg, wo der Alte, seine Haare waren grau und die Augen hart, zur Heerschau rief. Sie schlenderten von Tür zu Tür und klingelten mit einer Glocke, um die Bürger zur Musterung zu rufen. Denn ohne neue Wächter, würden die Tore und Mauern bald unbemannt sein.

Aber egal an welches Haus sie auch kamen – überall schlug ihnen Missgunst, Hass und Verachtung entgegen. Umso mehr sie drängten und umso mehr der Alte auf die Gefahr der Wolfsmenschen hinwies, desto giftiger waren die Reaktionen des Volkes.

«Eure Söhne, schickt her! Schickt her die dicken Kerle, die ihr gemästet haben wie die Schweine. Schickt her eure sanften Zöglinge mit den goldenen Löckchen, die auf Harfen klimpern und mit den Hasen im Gras tollen! Wer wenn nicht sie?»

Die zitternde Stimme des Alten verklang ungehört und nur zuschlagende Türen antworteten ihm. Sein Blick fiel auf die Rosenzweige, die korrekt geschnittenen Hecken und die kleinen mit viel Liebe gefertigten Gartenzwerge.

«Der Tag wird kommen, an dem man eure Gartenzwerge vor euren weit aufgerissenen Augen zertreten wird. Der Tag wird kommen, an dem sie euren Jahrmarkt niederbrennen und eure bunten Seidenkleider in den Staub trampeln.»

Nur hörte ihm keiner zu.

«Das ist eine Privatstraße, Herr Wächter! Gehen Sie weg hier»,

rief man dem Alten und seinen jüngeren Gefährten von einem Fenster aus zu. Und obwohl sich die drei Kämpfer der Aufforderung fügten, mussten sie doch über die Absurdität dieser Situation nur lachen. Sie hätten und könnten das ganze Städtchen mit der Macht ihrer Klingen und der Kraft ihrer Arme in die Knie zwingen.

Nur ein Stück Papier mit einem Stempel machte den Menschen hier glauben, dass diese Straße wirklich ihnen gehörte. Dabei war das ja der große Irrtum. Ein Fetzen mit einem Siegel darauf schützt das Eigentum und das Leben nicht. Es war nur materielles Zeugnis für einen unausgesprochenen Pakt der Zivilisierten, die sich freiwillig an Recht und Gesetz halten wollten. Das Zivilisationsrecht siegte hier, wider die Natur, über das Recht des Stärkeren.

Und so zog sich das Elend der letzten Wächter die nächsten Jahre hindurch, bis die ersten Schafe gerissen wurden und bald danach einige Bürger im Wald für immer verschwunden waren.

«Verlaufen! Verlaufen haben sie sich»,

riefen die meisten Bürger und nickten sich eifrig zu, um einander Recht zu geben. Denn eine andere Möglichkeit könne es schließlich, ja dürfe es auf keinen Fall geben! Es konnte nicht so sein, dass die Wolfsmenschen zurückgekehrt waren. Und selbst wenn, würden sie sicherlich mit guten Absichten kommen. Denn wer einmal einen Fuß ins schöne Tal setzte, das so wunderbar von der Sonne geküsst und vom Schöpfer gesegnet wurde, konnte ja gar nicht anders als sofort zum Friedensmenschen zu werden. Ja, so musste es sein!

Doch die letzten drei Wächter standen stoisch auf der Mauer und sahen nach dem Stein, der löchrig und dünn geworden war. Und als der Alte die Menschen fragte, ob sie nicht dabei helfen mochten die Mauer wieder aufzurichten, bekam er nur schallendes Gelächter als Antwort. S

elbst den Lohn wollten die Bürger den Wächtern nun nicht mehr zahlen, da ihnen die Miesepetrigkeit selbiger unerträglich schien. Es war für die Bürger viel elendiger den Wächtern beim Auflisten der Mängel zuzuhören, als die Mängel als solche zu erkennen. Die Menschen begannen beim Vorbeigehen vor die Füße der Wächter zu spucken und allen Unmut in sie hinein zu projizieren.

Und so kam es dann, als die ersten Sturmwolken am Horizont aufzogen und über die Berge ins Tal wanderten, dass der Mittlere der Wächter zu seinem Gefährten sprach und mit dem Finger über gen Osten zeigte.

«Da, seht. Die schwarzen Schatten am Hang des Berges, die wie Efeu ins Tal kriechen. Da sind sie nun doch gekommen, um die Stadt zu erobern. Da sind sie, die Wolfsmenschen mit ihren wilden Haaren und scharfen Klauen.»

Als auch der Jüngste und der Alte die Schar sahen, die auf die Stadt zumarschierte, sank ihnen der Mut ähnlich wie dem Mittleren.

«Ich gehe fort. Lasst sie. Ja ihr hört richtig! Lasst sie doch sterben! Um sie soll es nicht schade sein. Dafür, dass sie nicht hören wollten, sollen sie nun bezahlen»,

sagte der Mittlere und warf seinen Wappenrock in den Staub, der ihm noch lange nach wehte, nachdem er schon die Stadt gen Süden verlassen hatte.  Und als die Bürger endlich erkannten, was ihnen blühte, rannten sie flehend zum Mittleren, der ihre Bitten ausschlug.

Aber sie ließen nicht locker und humpelten, ihre behäbigen Leiber bewegend, in Richtung der Stadtmauer. Ihre aufgedunsenen Gesichter waren ängstlich und sie reckten die Hände in die Luft. Geschrei ertönte, als die ersten Wolfsmenschen über die Felder und Häuschen außerhalb der Stadtmauer herfielen und schlachteten, was nicht bei Drei in Sicherheit war.

«Helft uns Wächter! Rettet unser Zeug, unser mit vielen Groschen erkauftes Zeug! Ja, ja! Allen Besitz! Helft uns»,

krächzten die Bürger der schönen Stadt, als sie sich plötzlich wie gewandelt an die letzten beiden Wächter wandten, die sie zuvor nur mit Missachtung und Hass gestraft hatten. Jetzt aber ruhten alle Hoffnungen auf ihnen – jetzt sollte der alte Vertrag wieder gültig sein.

Jetzt, wo es zu spät war, sollten sie kämpfen, um die zu verteidigen, die nicht verteidigt werden wollten.

»Eines Tages, wenn deine Zivilisation wie deine Wissenschaft hinweggefegt wurde, wird Deinesgleichen für einen Mann mit einem Schwert den Himmel anflehen.«
– Robert E. Howard

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