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Der Polnische Generalstab an das Außenministerium in Warschau

von NPR

In diesem Dokument wird unter anderem über die militärische Zusammenarbeit von England und Portugal berichtet.  Auch wurde von einem Mitglied der englischen Militärmission, vorgeschlagen, dass man „mit dem Kriege anfangen sollte, und zwar gleich.“ Bei den nun in loser Folge veröffentlichten Dokumenten von 1938 bis zu Kriegsbeginn am 1. September 1939 sollte man immer dieses Datum im Blick haben.

Schreiben des Polnischen Generalstabes  (Abteilung II) in Warschau
ans das Ministerium des Auswärtigen Amtes in Warschau  am 08.08.1938

 

Generalstab Abteilung II
  L. 17731/II. S. O.                                                                                                          Warschau 8. VIII. 1938

       Beurteilung der internationale Lage  von Protugal aus gesehen                                             G e h e i m

Ministerium des Auswärtigen
Politisches Departement
hier

Ich übersende dem Herrn Direktor eine Abschrift des Berichts unseres
Militärattachés in Lissabon zur Kenntnisnahme und bitte um eine Weisung
für mein Verhalten zu den im Bericht dargelegten Ansichten der ausländischen Offiziere.

1 Anlage – Der Chef der Sektion IV der Abteilung II des Generalstabes
Banach, Dipl.- Oberstleutnant

Beurteilung der Lage von Portugal aus gesehen

Die in Portugal tätige englische Militärmission* beschäftigt sich im Augenblick damit die militärische Zusammenarbeit zwischen Portugal und England in ihren allgemeinen Linien festzulegen.

Admiral Wodehouse machte mit den Stäben der Armee und Marine von Portugal die englischen Forderungen aus, alle Projekte wurden aber seitens der Regierung und des Kriegsministeriums sabotiert; die Mission erhielt auf sie nicht einmal eine Antwort. Hierüber konferierte Admiral Wodehouse mit dem englischen Botschafter Selby, der ihm Ruhe und Zurückhaltung anbefahl. Schließlich schickte Admiral Wodehouse einen Bericht direkt nach London, über den er folgendes sagte: „Ich fragte in London ob ich ihnen schon die Pistole auf die Brust setzen oder noch warten sollte. Auf jeden Fall trete ich jetzt ihnen gegenüber schärfer auf.“

Der portugiesische General Peixote e Cunha, der als Vertrauensmann von Salazar die Personalreform in der Armee durchführte, erklärte mir daß:

Portugal seine Zukunft nur in der Unterstützung durch das Bündnis mit England sieht, Spanien, unabhängig von dem Ausgang der spanischen Ereignisse, für Portugal eine ständige Bedrohung darstellt. Eine Schwächung Spanien, selbst durch Losreißung von Catalonien würde man in Portugal gerne sehen.

Oberstleutnant Chamberlain, ein Mitglied der englischen Militärmission, sprach von der Gefahr eines europäischen Krieges und äußerte sich folgendermaßen: „Wir sind uns über den Bluff von Deutschland und Italien vollkommen im klaren. Ebenso wie die jüngeren Herren unseres Stabes bin ich auch persönlich der Meinung, daß wir mit dem Kriege anfangen sollten, und zwar gleich.“ Er motovierte das damit daß Deutschland nicht durch neues Kriegsmaterial überraschend wirken könne, daß die Armee unvorbereitet sei, denn es mangele ihr vor allem an entsprechenden Kaders, das alte Flugzeug und Panzermaterial sei wenig wert und mit verbesserten bzw. neuen Einheiten nur ungenügend ausgerüstet, außerdem führte er die wirtschaftliche und moralische Lage des Landes an. (Möglichkeit eines Sturzes des Regimes). Es mangele Deutschland an Erz, Öl, Kautschuk und Lebensmitteln. Der eventuelle Bundesgenosse Italien sei in einer noch schlechteren Lage da er überhaupt nicht über Rohstoffe verfügt. Er erklärte, daß sich unter den gegenwärtigen Umständen ein Krieg in Zukunft nicht werde vermeiden lassen. Es sei besser schon jetzt anzufangen, wo der bevorstehende Krieg weniger Gefahren birgt. Augenblicklich kann England auf eine enge Zusammenarbeit mit Amerika rechnen.

Ich stellte Chamberlain die Frage, ob England in diesem Falle beabsichtige die allgemeine Wehpflicht einzuführen. Er antwortete mir darauf, daß dem nicht so sei denn man halte folgende Form englischer Hilfe für die am meisten zweckentsprechende:

die Teilnahme der Marine und Luftwaffe sowie der Panzerwaffe;
die Teilnahme der Wirtschaft und Industrie.

Natürlich kann sich die Form dieser Hilfe im Verlauf der Kriegsereignisse noch bis zu einer allgemeinen Mobilisation ausweiten.

Oberst Daily von der englischen Militärmission ist bezüglich der voraussichtlich zu erwartenden Ergebnisse der Arbeit der Mission skeptisch. Er gab mir zu verstehen, daß England Mittel anwende, die einen Erfolg garantieren.

Augenblicklich wird schon der Verkauf von deutschem Kriegsmaterial hier in großem Maße durchkreuzt. Man kann die Möglichkeiten, daß noch mehr deutsches Kriegsmaterial gekauft wird, sehr skeptisch beurteilen. Er bemerkte dabei, daß die letzten Erfahrungen mit deutschem Kriegsmaterial in Rumänien ungünstig gewesen seien.

Oberst Daly sagte mir, daß Deutschland in der letzten Zeit eine gewisse Anzahl von Waffen an Rotspanien verkauft habe.

Über die englischen Möglichkeiten sprach er sich ähnlich wie Chamberlain aus, er unterstrich sehr nachdrücklich die schon jetzt erreichten Ergebnisse der Zusammenarbeit Englands mit den Vereinigten Staaten. Über die allgemeine Wehrpflicht sagt er, daß England durch eine militärische Vorbereitung, Schießausbildung und Formung starker Freiwilligen Verbände für die Verteidigung gegen Luftangriffe, durch Transport- und Sanitätsdienst sich die Voraussetzungen zu einer sehr großen Erweiterung seiner Armee schaffe. In großem Stile organisiert England strategische Reserven in seinen Kolonien, vor allem in Indien, und bildet diese dort aus. Seit zwei Jahren werden auch Schulen für die Stäbe der Kaders zur Führung des künftigen Krieges vorbreitet:

die Zentrale der höheren Militärstudien für die Vorbereitung der leitenden politischen, administrativen und militärischen Stellen.
Das Imperial Military College zu Vorbereitung für die entsprechenden Posten in den unteren Stellen.
Verdoppelung der Anzahl der vorbereiteten Generalstabsoffiziere auf Jahreskursen für die Besetzung der Stäbe bis zur Division einschließlich und auf Zweijahreskursen für die höheren Stäbe.

Auf diese Weise erhält England für das ganze Empire eine Organisation und Vorbereitung für den künftigen Konflikt.

Der Kommandeur Gade, der amerikanische Marineattaché sagte mir seinerzeit: „Den Ideen nach stehen wir vollkommen auf der Seite der Demokratien. Augenblicklich studiert man in Amerika die Möglichkeiten für eine schnelle Hilfeleistung für England und Frankreich: man ist zur Überzeugung gekommen, daß die Hilfe nicht wie im Weltkrieg erst nach einem Jahr einsetzten soll, als die ersten amerikanischen Soldaten aktiv eingriffen, sondern im Laufe von 7 bis 10 Tagen nach dem Beginn des Krieges sollen 1000 Flugzeuge geschickt werden.“

Außerdem machte mich Kommandeur Gade auf die unzulässigen Methoden der deutschen Penetration in Südamerika aufmerksam, mit der die Vereinigten Staaten sich nicht einverstanden erklären können.

Der Kommandeur Gade ist ein Vertrauensmann und persönlicher Freund von Roosevelt. Er besitzt sehr enge Beziehungen zu Belgien und erfreut sich der Freundschaft des belgischen Königs. Deutschland steht er sehr unfreundlich gegenüber. Persönlich ist er sehr reich.

Aus den Unterredungen mit Chamberlain, Daly und Gade fühlte ich die Stille Gewißheit enger Zusammenarbeit im Falle eines Konfliktes heraus.

Ich unterhielt mich häufiger mit den hiesigen Italienern. Sie waren äußerst nervös, interessierten sich sehr für unsere Haltung in einem zukünftigen Konflikt: an die Wand gedrückt, wiesen sie auf die Bedrohung der Menschheit und der Kultur in einem Kriege in  den man deshalb um jeden Preis vermeiden müsse.

Während der Anwesenheit der französischen Flotte bat mich der Kommandeur Darriex, der stellvertretende Chef der Atlantik-Flotte, der für die kommende Leuchte der Französischen Marine gehalten wird und der mir schon von seinem früheren Besuch in Lissabon als Führer einer Torpedo Zerstörer-Einheit bekannt war, persönlich auf das Admiralschiff sowie zu einer Besichtigung des Flugzeugträgers „Béarn“. Zusammen mit Kapitän Stefanowicz waren wir dort in Begleitung der französischen Minister die einzigen Ausländer. „Béarn“ lag in der Mitte des Tejo-Flusses, weit ab von jeder Möglichkeit in näher in Augenschein zu nehmen.

Bei der Unterredung äußerte sich der Kommandeur Darrieux ziemlich ruhig über die Möglichkeit eines künftigen Konfliktes. Vor allem betonte er, daß in Frankreich die Rechtskreise und die Rechtspresse unnötigerweise Furcht haben und die Lage nicht richtig einschätzen. Für den größten Fehler hält er den Pazifismus der Demokratien, denn dadurch kann man den Krieg nicht als erster anfangen. Auf diese Weise gibt man dem Gegner den wertvollsten Trumpf, den der Überraschung, in die Hand. Doch ist man über diese Ansicht schon etwas hinausgekommen. Er hält es für möglich, sich mit den Italienern zu verständigen.

Zusammenfassend möchte ich die Ruhe und die Einheitlichkeit der Ansichten bei den Vertretern Englands, Frankreichs und der Vereinigten Staaten betonen.

Transkript: Werner Nosko