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Das Schulsystem wurde geschaffen, um funktionierende Fabrikarbeiter heranzuziehen – Zeit für Veränderung

von heimdallwarda

Über Jahrhunderte lief Bildung völlig anders ab als heute. Bauernfamilien, die ihren Tag selbst rhythmisieren mußten und konnten, ebenso Handwerker, waren „frei“. Man empfing und befolgte Anordnungen ausschließlich aus dem Familienkreis, vom Auftraggeber/Kunden oder vom selbst gewählten Meister.

Welchen Freiraum das bot, das kann man sich als Lohnsklave heute nur noch vage vorstellen, vielleicht wenn man sich die alten Werner Comics einzieht, wo das Urgestein Röhrich so seine liebe Not mit seinen Angestellten hat.

Entsprechend verlief die Ausbildung „fachspezifisch“ im täglichen Tun und Erleben. Nur eine kleine, reiche Elite wich davon ab und zwang ihre Kinder zum Bücherstudium und Pauken, damit sie später Funktionen in der Verwaltung wahrnehmen konnten. Man erachtete dieses Bücherstudium als unnatürlich, erlebte diese Unnatürlichkeit dann auch im Widerstand der kindlichen Schüler und sah sich dazu genötigt massiven Zwang und Druck auszuüben. „Verwaltung“ sei hier weit gefaßt und beinhalte auch das Theologiestudium, das der Verwaltung der menschlichen Spiritualität diente. Wie im Handwerk, so konnten auch aus den Bücherwürmern „Künstler“ hervorkommen. Maler, Architekten oder eben Philosophen und Dichter.

Diese verbreitete Art der Erziehung in relativer Freiheit, Lebensverbundenheit und Selbstbestimmung, im direkten persönlichen Austausch und Interesse des Lehrenden am Schüler, mußte sich drastisch ändern, als die Industrialisierung einsetzte.

Die Menschen mußten neue Fähigkeiten lernen, um für und mit den Maschinen arbeiten zu können und für den neuen Industrieboss von Nutzen zu sein. Sicher gab es auch bereits vor der Industrialisierung Zwänge von Seiten des Arbeitgebers, insbesondere als sich die Vorläufer der Industrien bildeten, die Manufakturen, aber im Gegensatz zu dem, was sich nachfolgend abspielte, war eine Änderung der Lehr- und Lernstruktur nicht erforderlich.

Was benötigte nun die Industrie? In erster Linie Masse, Folgsamkeit, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Ordentlichkeit. Alles drehte sich um die Maschinen und reibungslose Abläufe. Maschinen konnten sich nicht flexibel anpassen, Menschen schon. Und so begann die Ausbeutung des menschlichen Potentials von Kindheit an.

Die Massenerziehung führte zu einem unpersönlichen Frontalunterricht, Folgsamkeit gegen völlig Unbekannte und nicht am Wohlergehen des Einzelnen Interessierte erreichte man durch Furcht und Bestrafung. Ebenso Zuverlässigkeit. Pünktlichkeit, als Ausdruck der Selbstaufgabe und Anpassung an die maschinelle Taktvorgabe wurde eingeprägt durch langes Stillsitzen auf engen Bänken, durch Schweigen im Unterricht, durch Bitte, seinen zutiefst menschlichen Bedürfnissen nachgehen zu dürfen (Toillettengang) und durch fixe Pausen (keine Stillung von Hunger und Durst während des Unterrichts).

Auch die Solidaritätsbestrebungen, die gegenseitige Hilfeleistung war unerwünscht, sie hätte noch schneller und früher zur „Gewerkschaftsbildung“ zur Rebellion führen können. Also erfand man die Konkurrenz durch Noten, verhinderte gemeinsames Studieren, Kommunikation, gemeinsames Singen …mit einem Wort all das, was Menschen zusammenfinden läßt.

Singen und Sprechen wurde im Unterricht nur in einem fest umrissenen Rahmen zugelassen. Insbesondere das Chorsingen erwies sich als der Agenda nützlich. Das Ausmaß der Indusrieschulung war natürlich von Region zu Region, von Schule zu Schule unterschiedlich, aber im Großen und Ganzen gleich und von der Schulbehörde, den Handlangern der Wirtschats- und Staatsinteressen, vorgegeben.

Doch das Menschliche, der Humanismus, die Ästhetik, die tausendjährige Vergangenheit … ließen sich nicht so einfach ausradieren oder unterdrücken und so kam es zu einer eigenartigen Mischung zwischen industriegeprägter Schule und parallelen humanistischen Lehrinhalten. Ein großer Riß entstand zwischen dem, was man als Schüler an Gutem und Schönem lernte und was man selbst bei der Vermittlung an Unmenschlichem und Zwanghaftem erlebte.

Es gab seither viele Reformbestrebungen, insbesondere die neue Lebenswelt und NWO-Wirtschaft sieht, daß die Produkte des bisherigen Schulsystems den Wirtschaftsbedürfnissen nicht mehr optimal entspricht. Bei der Beschäftigung mit diesen Reformbestrebungen habe ich eine gewisse Neigung zu der Erziehungskunst des R. Steiner entwickelt. Aber das nur nebenbei erwähnt, damit der geneigte Leser einschätzen kann, worin ich selbst die Ziele und menschengerechten Methoden einer zukunftsfähigen Erziehung und Bildung sehe. Oder mit anderen Worten, aus welchem Blickwinkel ich in diesem Artikel das bisherige Schulwesen kritisiere.

Wenn ich z.B. kritisiere, daß Lehrkräfte, wenn sie sich aus dem Unterricht entfernen müssen, Kinder, meist auch noch ausgerechnet den Klassensprecher!, als Aufpasser bestellen, mit dem Auftrag bei Mißachtung des Ruhebefehls, die Mitschüler zu denunzieren, was anschließend zu einer Bestrafung der Ungehorsamen führt. Ja was soll aus solchen Kindern werden, denen plötzlich Macht übertragen wird über ihresgleichen? Macht mit der sie nicht umgehen können.

Daß der von den Kindern demokratisch gewählte Klassensprecher, dessen Aufgabe es ist, die Klasseninteressen gegenüber den Lehrern zu vertreten, hier als Handlanger für die Interessen der Gegenseite mißbraucht wird, kommt hinzu. Lehrer darauf angesprochen wissen in ihrer Dumpfheit grundsätzlich nichts mit solcher Kritik anzufangen, sind extrem unangenehm berührt, aber ändern nichts an ihrer Methode, denn es würde bedeuten, daß sie ihr gesamtes industriell geprägtes System in Frage stellen müßten. Eine Änderung des Schulsystems ist nicht damit vollzogen, daß man überall neue Medien und Internet installiert oder daß man Kindern Anleitung und Disziplin vorenthält und dem Anarchismus fröhnt.

Erziehung muß der Entwicklung folgen und ist eine große Aufgabe für diejenigen, die sich dies zum Beruf erwählt haben. Wer weiß denn heute noch, wie man früher, als Menschen noch hervorragende Beobachter waren, die Schulfähigkeit eines Kindes feststellte? Nein, man brauchte keine ausgefeilten wissenschaftliche Tests. Man schaute sich die Zähne an. Mit Verlust der Milchzähne war und ist das Kind, auch das kindliche Gehirn, soweit gereift, daß es intellektuell an das Lernen herangeführt werden kann. In der Schweiz war dieses Kriterium meines Wissens nach noch vor ca 10 Jahren für die Einschulung relevant. Bis zu diesem Zeitpunkt gehört das Kind voll und ganz der Mutter, der Familie, dem geschützten, rhythmisierten und an den Jahreskreis angeschlossenen Kindergarten als erweiterter Gemeinschaft an.

Hört sich das nicht sehr erstrebenswert an? Ja, die Umsetzung ist nicht ganz leicht, doch jeder Versuch in diese Richtung, jede Anstrengung der konsequenten Umsetzung ist besser als die Resignation vor dieser Zukunftsaufgabe: unsere Kinder zum Guten, Schönen und Wahren, zur Freiheit und zum Gesundsein hin zu erziehen. Ihnen das Urvertrauen zu vermitteln, damit sie später eben nicht zu Humankapital und Befehlsempfängern werden. Damit sie später nicht Freiheit mit Beliebigkeit und Rhythmus nicht mit Maschinentakt verwechseln.