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Blackbox – Zur Lage der Nation(en)

Von Stephan Paetow

Über die Leuchten Evelyn und Heiko im TV, einen 97-Jährigen, der ins Auto stieg, und den Haushalts-Fachmann Wolfgang Schäuble. Wo war bloß Robert Habeck?

Nichts ist in diesen Tagen so faszinierend wie das Zappen von einer Öffentlich-Rechtlichen-Polit-Talkshow ins RTL-Dschungelcamp. In dem einen Format glänzt der deutsche Außenminister mit seinen Kenntnissen in Neuerer Geschichte – die EU ist ein großes Friedensprojekt – nie gab es seither einen Krieg in Europa („Doch, Balkan“, wird er von einem Österreicher korrigiert). Und im anderen verortet eine Dschungel-Kandidatin die „Volkskammer“ irgendwo „früher“, bei Adolf Hitler.

Tröstlich, wie nah die Sozialdemokratie letztendlich doch „am Volk“ geblieben ist. Die Kenntnisse der Dschungel-Kandidatin Evelyn im weiten Feld der Physik („Wie soll sich Flüssigkeit bei Kälte ausdehnen, wenn die Flasche zu ist?“) lassen sich frappierend mit Heikos Grundkenntnissen der Wirtschaft („Niemandem wird etwas weggenommen, um Integration zu finanzieren“) vergleichen und einmal mehr wollen wir ausrufen: Ein Hoch auf die sozialdemokratischen Bildungsreformen! Hoch die rot-grüne Pädagogik!

Heiko Maas kann laut Wikipedia ein Studium der Jurisprudenz vorweisen und die deutlich jüngere Evelyn befindet sich immerhin schon im Besitz der Fachhochschulreife, abgestempelt im Homeland NRW, wie RTL mit Vorlage des Zeugnisses (Physik: höchste Punktzahl) extra nachweist. Wir könnten das endlos … aber einer noch: Die Spezialdemokraten erfanden einst Hartz 4, Evelyn entdeckte die Schlangenart Cobra 11. Großartig!

♦ Im Berliner Debattencamp und bei seiner Dschungelpresse drehte sich beinahe alles um das Thema Brexit. Wie anders in Engeland! Das Albion beschäftigte ganz andere Fragen: Sollten 97-Jährige Auto fahren dürfen? Und wer nimmt Prinz Philip den Führerschein weg? War His Highness betrunken, als sich sein Wagen überschlug? (Röhrchentest sagte: Nein.)
Eine Aufregung war das! Der Erzbischof von York reckte beschwörend die Hände zum Herrn, auf Twitter unkten Spötter, ob der Unfall des Prinzen einem übereilten Fluchtversuch geschuldet war, im Sinne von „Der 97 Jährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“. Jedenfalls soll Seine Eiserne Hoheit wieder oben auf sein und schon nach dem Schlüssel für sein Auto gesucht haben …

♦ Jedenfalls gehört Prinz Philip zu einer aussterbenden Art, und damit ist nicht etwa ein billiger Scherz auf sein Alter intendiert. Nein, seinem Geschlecht geht es an den Kragen. Genauer, der „toxischen Männlichkeit“, gegen die nach Feministen, Genderisten und Pazifisten nun auch der Kosmetikkonzern Gillette in den USA werbemäßig zu Felde zieht. Für uns ist das schwer nachzuvollziehen, werden doch in manchen Bundesländern schon die Kindergartenknaben ermuntert, gern auch Röckchen zu tragen. Unterstützung erfahren solche Maßnahmen von höchster psychologischer Stelle, sprich dem US-Psychologenverband, der „traditionelle Männlichkeit“ als „psychologisch schädlich“ geißelte. Wollen wir für Gillette hoffen, dass nicht demnächst bei den „männlichen“ Schneeflöckchen nur noch ein Damenbart wächst, das wäre nicht gut fürs Geschäft.

♦ Bei jeder künstlichen Aufregung melden sich auch die Philosophen sofort zu Wort, und der schnellste Beitrag zur toxischen Männlichkeit kam von Wolfgang Schäuble, der zuletzt mit steilen Thesen zur Inzucht auf sich aufmerksam machte. „Kindererziehung, Hausarbeit, Pflege“, mahnte der weise Mann, seien keine Frauenaufgaben mehr, selbst sein Schwiegersohn Strobl müsse „gelegentlich mit Nachdruck erinnert werden“.
Frauen und Männer sollten „wirklich frei entscheiden können, wo sie die Prioritäten in ihrem Leben setzen wollen, ohne auf Beruf oder Familie oder gesellschaftliches Engagement zu verzichten“, schrieb Schäuble den Parlamentariern Kubicki, Lindner, Seehofer, Özdemir, Oppermann und Altmaier (ach ne, der ist ja solo) an die Tafel. Wobei, Wolfgang, wie passt das zusammen mit der psychologischen Erkenntnis, dass sich bei denen, die schon länger hier leben, die Weibchen ihre Männchen selbst aussuchen?

♦ Bürstenhaarschnitt, forscher Thomas-de-Maizière-Gesichtsausdruck, das ist Thomas Haldenwang, der neue Verfassungsschutzpräsident, der quasi als erste Amtshandlung die AfD unter Beobachtung stellte. Das war vielleicht ein bisschen arg platt, so dass FDP-Chef Lindner warnte, „es darf nicht der Eindruck entstehen, dass die Parteien sich einer lästigen Konkurrenz über den Umweg über die Sicherheitsbehörden entledigen“. Zu spät! Längst ließ Ralf Stegner, die unbestritten hellste Kerze auf der antifaschistischen Torte, die Wahrheit ans Licht der Öffentlichkeit: „Die Rechtspopulisten von der AFD kommen endlich in den Fokus des Verfassungsschutzes. Dazu musste der unselige Herr Maaßen gehen, damit das passieren kann, was längst überfällig war.“ Er kann halt nicht lügen, der Ralf …

♦ Mit Rücksicht auf die Triskaidekaphobiker – Menschen, die abergläubisch sind, also z.B. eine schwarze Katze von links als böses Omen fürchten, oder an das Ende von Sommer und Winter glauben – nennt SPD-Sozialminister Hubertus Heil sein Sozialgesetzbuch „14“, obwohl arithmetisch die „13“ dran wäre. Durch Überspringen der Zahl 13 will er den von irrationalen Ängsten Geplagten Leid ersparen. Müsste er nicht konsequenterweise auch seinen Namen „Heil“ ändern, der tut doch den unter #nazisraus-Syndrom Leidenden bestimmt auch weh.

♦ Da hat der Boris Pistorius aber ein Fass aufgemacht! Nachdem sein niedersächsisches Innenministerium zwei ausreisepflichtige Ivorer mit einem Privatjet für schlappe 165.000 Euro in ihre Heimat Elfenbeinküste ausflog, bestehen immer mehr abgelehnte Asylbewerber auf eine ähnliche VIP-Behandlung, um auch in ihrem Heimatland ordentlich Eindruck zu schinden. So nebenbei: Wäre eine parteieigene Privatjet-Flotte nicht eine gute Geschäftsidee für die SPD, nachdem deren Medienbeteiligungen schwächeln?

♦ Gerechtigkeit und Bürokratie sind bekanntlich Meister aus Deutschland, dennoch führt uns ein erster Blick auf behördliches Treiben nach Spanien, wo das „Amt der Europäischen Union für geistiges Eigentum“ (EUIPO) McDonald‘s die Marke „Big Mac“ aberkannte, weil der Bulettenkonzern nicht hätte nachweisen können, dass er die Marke „Big Mac“ ernsthaft und kontinuierlich verwendet habe. Der Fast-Food-Gigant habe nicht einmal nachweisen können, dass er Burger mit dem Namen „Big Mac“ verkaufe. Evelyn hilf! Vielleicht sollte das Amt für Intellectual Property seine eigene Intellectual Property mal überprüfen lassen …

♦ Wir gratulieren Volker Bouffier, der mit einer Stimme Mehrheit zum hessischen Ministerpräsidenten wiedergewählt wurde, obwohl bei der Hessenwahl viele Stimmen eher geschüttelt, gerührt und geschätzt als ausgezählt wurden. Entscheidend ist schließlich, was am Ende raus kommt! (Zwinker, Zwinker)

♦ Das war’s dann wohl mit der alten CSU, oder wie die „Welt“ schreibt, Söder und Seehofer „schaffen es nicht, die Partei mitzureißen“. Nach der Wahl Söders zum Parteichef flüchteten denn auch viele Delegierte. Einer flüstert zum Abschied: „Alles sehr gedämpft. Ist das nun die neue CSU, in der nicht mehr gestritten werden darf?“ Markus Söder versprach noch im Fasching als „Merkel“ zu gehen und Annegret Kramp-K. meldete als vorgeschobene Beobachterin nach Berlin: Mission Accomplished.

♦ Die alten weißen Män … nä, die alten grünen Frauen werden langsam unruhig: Die ganze Woche beinahe Sendepause im TV für ihren Sascha Hehn auf Merkels Traumschiff, Robert Habeck.


Der etwas andere Jahresrückblick: 

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